Kultur : Sätze wie Sargnägel

Günther Grack

Zum Kuckuck mit dieser Kuckucksuhr! Frau Janina Wisniewska, eine dralle Polin in den besten Jahren, hat in ihrer Berliner Wohnküche einen jungen Schwarzen aus Nigeria zu Besuch: Kaffee und Kuchen helfen über die Sprachbarriere hinweg, der Mann singt, "Hallelujah!", ein Spiritual, die Frau summt einen polnischen Schlager. Kurze Stille, man weiß nicht, wie man weitermachen soll, ob man sich näherkommen kann - da springt der Kuckuck aus seiner Uhr, ruft "Kuckuck!" und verschwindet wieder. "Muss ich Entschuldigung vorbringen für Auftritt von Kuckuck in diese Moment", sagt Janina zu ihrem Gast. "Geht nach Präzision, nicht nach Gefühl, wie alles in Deutschland." Ihre Darstellerin Maria Happel legt vor dieser Nachbemerkung eine Pause ein, ehe sie "wie alles in Deutschland" in tonloser Resignation folgen lässt. Ein niederschmetterndes Resümee: Präzision ja, aber kein Gefühl. "Ich liebe dieses Land", der Titel des Stücks, das da vom Berliner Ensemble uraufgeführt wird, muss wie der pure Hohn wirken.

Das neue Stück des Österreichers Peter Turrini versteht sich als sarkastisch-drastische Kritik an uns gefühlskalten Deutschen, die wir zwar nicht fremdenfeindlich sein wollen, es aber dennoch sind. Beni Jaja, der Nigerianer, der aus seinem Polizeistaat nach Berlin geflüchtet ist, lernt in der Abschiebehaft nur einen netten Menschen kennen, Janina, jene polnische Putzfrau, ansonsten lauter Monstren. Ein Arzt zieht ihm zwecks Suche nach versteckten Drogen die Hose runter, fingert im After herum und lässt den mit Handschellen Gefesselten in seiner Blöße hilflos stehen; ein Psychologe bemüht sich, ihm aus seinem Bewegungsmanko herauszuhelfen, verstört ihn aber nur mit der Aufforderung, im Gleichschritt mit ihm zu gehen; ein Journalist besucht den Häftling, der für seinen Asylantrag den einen Satz "Ich liebe dieses Land" auswendig gelernt hat, und überfällt ihn mit einer Suada über die deutsche Angewohnheit, Gefühlskälte unter verlogenen Worten zu tarnen. Höhepunkt der Besuchsserie: Von der Love Parade schneit der Polizeipräsident mit Gattin herein, man macht den Schwarzen sexuell an, provoziert seine gewalttätige Abwehr und lässt ihn dann laufen, nur um ihn später - in Janinas Wohnküche - wegen versuchten Totschlags wieder festzunehmen. Am Ende hört Beni, wie die Putzfrau draußen auf dem Gefängnishof wenigstens akustisch den alten Kontakt mit ihm sucht: "Meister Proper ist jetzt bei Aldi dreißig Pfennig weniger." Worauf ihm nur noch ein weiteres Mal zu sagen bleibt, was Turrini seinem Stück als Titel gegeben hat.

Kitsch der sauersten Sorte! Claus Peymann hält seinem Hausautor aus gloriosen Wiener Zeiten die Treue, lässt die Inszenierung allerdings seinen Adlatus Philip Tiedemann besorgen - mit dem bemerkenswerten Aufwand einer Drehbühne (Stefan Mayer), die für drei Akte von 60 und zweimal 15 Minuten Dauer drei verschiedene Interieurs vorzeigt. Ernest Hausmann gibt dem Schwarzen eine ängstliche Vorsicht, die plötzlich explodieren kann, am lautesten in dem Ausbruch, Reflex nigerianischer Haftneurose : "No one shall come too close to me any more!" Maria Happels Janina, die pummelige Herzlichkeit in Person, rührt und belustigt zugleich. Ansonsten wird derb auf den Putz gehauen. Nur einer will keine Charge, sondern ein Intellektueller sein, Axel Werner als jener Journalist, den Turrini sagen lässt: "Mit ihren Sätzen nageln die Menschen in diesem Lande alles zu, ihren Schmerz, ihre Geschichte, ihr ganzes Land. Deutschland ist perfekt vernagelt." Eine Schmährede auf die Deutschen in der Tradition von Hölderlins Hyperion? Da greift Turrini dann doch zu hoch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar