Kultur : Säulen nach Athen

Bernhard Schulz über historische Beutekunst

Es wird eng für die Engländer: Der griechische Ministerpräsident hat Großbritannien erneut zur Rückgabe des Parthenon-Frieses aufgefordert. 56 der 93 erhaltenen Reliefplatten befinden sich seit exakt 191 Jahren in London. Mit der anstehenden Eröffnung des neuen Akropolis-Museums jedoch, so Kostas Karamanlis, würden die letzten Einwände der Rückgabegegner „zunichtegemacht“.

Starke Worte, bekannte Töne. Griechenland sieht sich im Recht und kann, paradoxerweise, auf eine Sympathiewelle zählen ähnlich jener, die die abenteuerliche Bergung der „Elgin Marbles“ und deren Ankauf durch das britische Parlament 1816 begleitete. Denn damals war es die Griechenlandbegeisterung des gebildeten Europa, die den Türken die Zeugnisse der hellenischen Antike zu entreißen trachtete. Die osmanische Besatzungsmacht wusste mit der Akropolis bekanntlich nichts Besseres anzufangen, als dort Schießpulver zu lagern.

Das Britische Museum befindet sich arg in der Defensive, hat es doch an Lord Elgins Raubrittertum niemals Zweifel gegeben. Nur diente es am Ende einem guten Zweck: nämlich das vom Untergang bedrohte antike Erbe zu retten. Heutzutage jettet ganz Europa nach Athen, um die Antike in situ zu bewundern. Mit der Globalisierung entfallen die Vorbehalte der alten imperialen Mächte: dass allein sie Kunstschätze bewahren und der Weltbevölkerung zugänglich machen könnten. Bleibt nur der Gefühlswert als Trophäe der Wissenschaft: Denn wo wären die Antike, die Kulturen Außereuropas, überhaupt der ganze Globus erforscht worden, wenn nicht im aufgeklärten Abendland!

Doch auch die Leistungen der Wissenschaft sind global geworden. Noch geht es nur um den Parthenon-Fries. In Zukunft aber um die globale Ungleichverteilung des kulturellen Erbes der Menschheit, in deren Namen einst gegraben, geplündert und weggeschafft wurde – ob nach London, Paris, New York oder Berlin.

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