Kultur : Säulen und Heilige

David Chipperfields neues Literaturmuseum für Marbach am Neckar

Stefan Kister

Bei dem Philosophen George Steiner findet sich die Idee eines „Hauses des Lesens“, in dem nur Originaltexte verwahrt werden. Wie aber könnte so ein „Haus des Lesens“ aussehen? Vielleicht wie das neue Literaturmuseum der Moderne von dem Architekten David Chipperfield, das jetzt in Marbach seiner Bestimmung übergeben wurde. Strenger, genauer jedenfalls könnte ein Gebäude auf die vertrackte Aufgabe der Präsentation von Literatur kaum abgemessen sein als jener feingliedrige Bau, der sich an der Kante der Schillerhöhe hoch über dem Neckartal an den Hang schmiegt.

Weit ragt seine kolonnadenumsäumte Fassade aus Glas und dunklem Holz hinein in den von unterirdischen Magazinen ausgehöhlten Bergstock, wo sich Scharen eifriger Gelehrter tagaus, tagein mühen, aus den vergilbten brüchigen Sedimenten gelebten Lebens das Gold philologischer Erkenntnis zu schürfen. Über tausend Nach- und Vorlässe liegen hier im Allerheiligsten des Deutschen Literaturarchivs verwahrt, neben Reliquien längst vergangener Tage wie den Schweißtüchlein und Strümpfen des Säulenheiligen Schiller auch Gründungsurkunden der Moderne, die Manuskripte von Kafkas „Der Prozeß“ oder Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Der Epoche, die damit anhebt, steht künftig in dem weltweit einzigartigen Museum eine großzügige Spielfläche zur Verfügung.

Doch lebendige Literatur und Museum – wie geht das zusammen? Um dieses Paradox zu lösen, muss man hinabsteigen ins Innere. Stufe um Stufe verdunkelt sich das äußere Licht. Und wie für den Lesenden die ihn umgebende Welt zurücktritt zugunsten der Vorstellungskraft, nimmt einen hier unten eine wohl proportionierte Innenwelt in Beschlag. So unumstößlich elementar sich die architektonischen Grundverhältnisse von Dach, Boden, Stütze nach außen geben, so zweckgebunden erscheint die Dramaturgie, die das Innere belebt: Der Gegensatz von oben und unten, der Wechsel von loggienartigen, lichtdurchfluteten Umgängen und abgedunkelten Galerieräumen. Alles folgt nur dem einen Ziel: Platz zu schaffen für die Präsentation lichtempfindlichen, kleinteiligen Materials.

Über schwere hohe Flügeltüren sind die mit edlem Tropenholz ausgekleideten Raumfluchten miteinander verbunden: fensterlos und doch offen für die Abenteuer der Fantasie, dämmerdunkel und gleichzeitig erfüllt von dem magischen Glanz, der von innen kommt – spätestens dann, wenn hier einmal beleuchtete Vitrinen die Objekte ins rechte Licht setzen werden.

Dem notwendig Unabgeschlossenen des historischen Prozesses einer Literatur der Jetztzeit entspricht das variable Raumkonzept. Drei Säle beansprucht die Dauerausstellung, die ab kommenden Juni hier gezeigt werden soll, darunter einer, bei dem sich der Besucher interaktiv Textstellen seiner Wahl exemplarisch erläutern lassen kann. „Fluxus“ ist ein Raum überschrieben, in dem Literaten, Künstler oder Politiker Gelegenheit erhalten, ihre jeweils persönliche Sicht auf die Gegenwartsliteratur auszustellen. Daneben stehen für wechselnde Präsentationen drei weitere Räume zur Verfügung.

Der Herr über die Marbacher Institute, Ulrich Raulff, sieht das neue Museum nicht nur als Schaufenster, sondern als Vergrößerungsglas des Archivs. Und er steht mit dieser Ausweitung philologischer Sinnstiftung auf den Gesichtssinn ganz im Einklang mit der Museumsdirektorin Heike Gfrereis. Statt bedeutungsgesättigte „Flachware“ nach den üblichen Epocheneinteilungen auszulegen, geht es ihr um eine Archäologie des letzten Jahrhunderts aus den überraschenden Relikten und Lebenstrümmern der Magazine. So darf man sich in der neu konzipierten Dauerausstellung, die am 6. Juni von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wird, darauf freuen, mit literarischen Gegenständen als dreidimensionalen Objekten konfrontiert zu werden. Man wird darüber nachdenken können, warum Hermann Broch Schreibhefte in Herzform bevorzugte, oder was es damit auf sich hat, dass Gottfried Benn die Eingeweidepoesie seines Gedichtes „Kleine Aster“ auf eine Speisekarte notiert hat. Eines freilich steht schon jetzt fest: Marbach, diese Mischung aus Parnass und Hades, aus Gelehrtengruft und Wolkenkuckucksheim ist mit diesem besonderen Museum der Welt ein Stück weit näher gerückt.

Weiteres unter www.dla-marbach.de

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