Kultur : Sag mir, wo die Bärte sind

Alle fahren weg. Nur in den Parteizentralen herrscht Hochsaison. Heute: die

Marius Meller

Um die Ecke von der grünen Parteizentrale liegt das naturkundliche Museum. Das kann kein Zufall sein. Also vor der Besichtigung des grünen Überbaus erst mal zu den Wurzeln, die Basis kennen lernen! Für den Großstädter ist Natur ja: Friedrichshain, Hasenheide, Schrebergarten, der Blumentopf auf dem Balkon. Wanderungen durch die Mark Brandenburg? Viel zu gefährlich heutzutage, sagt man, überall gewaltbereite Ossis.

Im Naturkundemuseum ist man sicher. Aber in den Vitrinen herrscht finsterer Darwinismus. Das Gebiss eines Ur-Hais, des „Megalodon“, beißt ihn gründlich weg, den Glauben an die gute Natur. Ein Zahn ist zwanzig Zentimeter groß, und dahinter warten schon permanent nachwachsende Ersatzzähne auf ihren Einsatz. Ein Zahn hält 14 Tage. 14000 Zähne verbraucht ein Megalodon in seinem Leben, genauso wie sein Nachfahre, der moderne Hai, der etwas kleiner geworden ist, weil seine Beute auch kleiner wurde, sagt ein Info-Schild. Gut angepasst, Hai, weiter so, Friede sei mit Dir! Homo sapiens sapiens wird zur Zeit immer größer, weil er so viel Fleisch frisst.

Schnell, schnell, zurück zur Kultur! Hinein in die grüne Parteizentrale. Ein Philosoph nannte die strickenden, vollbärtigen Ur-Grünen einmal „wandelnde Rousseau-Zitate“. Die Bärte sind ab. Heute sind sie wandelnde Luhmann-Zitate: Das Natur-Kultur-System soll bitteschön nicht kippen. Ökonomie ist eben auch „öko“. Und griechisch „oikos“ heißt nicht „Natur“, sondern „Haushalt“. Im schlichten, liebevoll renovierten Grünenhaushalt zwischen Charité und Naturkundemuseum sitzen freundliche Studenten an Computern und beobachten die „feindlichen Kampagnen“, erklärt der freundliche Kampagnenmanager Rudi Hoogvliet. Können Kulturwissenschaftler Feinde haben? Wo sind all die Fundis hin? Den Begriff „Fundamentalist“ lernte man in den Achtzigern von den grünen Fundi-Realo-Debatten. Heute haben Fundis immer noch Bärte, aber sie verstecken sich in Pakistan und glauben an Gott. Anfang der Neunziger warnte Katastrophen-Prophet Frank Schirrmacher vor einem künftigen Öko-Terrorismus. Er lag daneben.

Auf einem Monitor liegt das grüne Teufli-Kostüm von Alt-Sponti Didi Senft, der bei der Tour-de-France-Fernsehübertragung ab und zu mit grünem Dreizack und roten Hörnchen durchs Bild radelte. Ein Plakat kündigt die Berliner Wahlkampfaktionen an: Solarbootfahren auf der Spree mit Jürgen Trittin, Diskussionsrunde zum Prostitutionsgesetz in einem Berliner Bordell mit Sibyll Klotz (ab 23 Uhr), Einkaufen auf dem Winterfeldtmarkt mit Renate Künast. Die Spaßpartei macht den Grünen keiner nach, ohne sich gründlich zu blamieren. Für die Grünen aber bedeutet Spaß haben: konservativ sein. Im Innenhof trinkt ein Kulturwissenschaftler-Grüppchen friedlich Tee. Ein Mini-Steingarten mit Springbrünnchen zeigt: die gute Natur, die macht der Mensch. Routinekontrolle. In der Zuckerdose sind die Kristalle braun, die Milchtüte: „Andechser Natur, haltbare Biomilch“ – alles im grünen Bereich.

Das akkurat restaurierte Treppenhaus verströmt diskret-bürgerlichen Charme durch grünes Linoleum. Im ersten Stock vor den dunklen Türen: gelbes Schmuck-Linoleum, ins grüne eingelassen; im zweiten blaues, im dritten rotes. Grün, davon kündet die Treppenhaus-Symbolik, ist langfristig mit jeder politischen Couleur kompatibel. An der Ausgangstür wird der Zusammenstoß mit einem Joschka-Fischer-Klon, der dynamisch die Zentrale entert, gerade noch vermieden. Anfang dreißig, brauner Nadelstreifenanzug schwarzer Rolli, staatsmännliches Joschka-Bäuchlein, fischerhaft die Stirn gekräuselt, dicke Aktentasche, enormes Tempo. Das muss er sein, der grüne Nachwuchs.

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