Kultur : Sag zum Abschied leise Danke

Die Schaubühne zeigt Sarah Kanes „Zerbombt“ – und hat nun alle ihre Stücke im Repertoire

Peter Laudenbach

An der Berliner Schaubühne findet eine gespenstische Zeitreise statt. Sie führt gleichzeitig in die Zukunft und in die Vergangenheit. In eine Zukunft des globalisierten Bürgerkriegs, in dem irgendwo in Westeuropa plötzlich ein schwerbewaffneter Soldat in ein Hotelzimmer stürmt. Seine Freischärlergang hat die Kontrolle in der Stadt übernommen. – Und es ist eine Reise in die Vergangenheit, als solche Szenarien noch achselzuckend als krudes Schock-Theater abgehakt wurden. Wie damals bei der Uraufführung von Sarah Kanes „Blasted“ am Londoner Royal Court Theatre, oder drei Jahre später, bei der Berliner Premiere an der Baracke des Deutschen Theaters.

Indem Thomas Ostermeier jetzt, ein Jahrzehnt nach der Uraufführung, das früheste Stück der britischen Dramatikerin Kane an der Schaubühne inszeniert, knüpft er an eine lange Auseinandersetzung mit Kanes extremem Werk an. Kurz nachdem er und sein Dramaturg Jens Hillje die Baracke übernommen hatten, nahmen sie Kontakt mit der damals noch weitgehend Unbekannten auf. Heute ist die Berliner Schaubühne das einzige Theater der Welt, das nun auch mit „Zerbombt“ alle fünf Stücke Kanes im Repertoire hat. Neben jenen, die traumatische Gewaltverhältnisse beschreiben, stehen nun solche, die von psychischen Verstörungen, seelischer Not, den Katastrophen des Herzens handeln. Sechs Jahre nach dem Selbstmord Sarah Kanes im Februar 1999 wird hier ein Lebenslauf erschlossen, der hin zu einem immer persönlicheren Sprechen und einem Theater führt, das den späten Exerzitien Becketts ähnelt.

In der Auseinandersetzung mit ihren harten Stücken hat Ostermeier seine eigene Theaterästhetik entwickelt. Jetzt unternimmt der Regisseur den Versuch, auszuloten, welche Kraft Kanes Frühwerk heute besitzt. Seine These ist wagemutig: Im Zerfall zivilisatorischer Standards, den das Stück mit brutaler Konsequenz vorführt, sieht Ostermeier die Vorahnung einer Ära der Bürgerkriege und des globalen Terrorismus. Der apokalyptische Alptraum Sarah Kanes verwandelt sich in Ostermeiers hyperrealistischer Inszenierung in eine illusionslose Bestandsaufnahme realer Gewaltvorgänge. Die Fieberfantasie: eine nüchterne Tatsache. Kane blendete 1994 sexuelle und politische Gewaltvorgänge, intime und militärische Gewaltverhältnisse ineinander. Was in der Kane-Rezeption als greller Theater-Schock oder einfach als Geschmacklosigkeit abgewehrt wurde, ist in den Bürgerkriegen vom Kosovo bis zu Afrika Realität: sexuelle Gewalt als Fortsetzung militärischer Unterwerfung. Bei der 23-jährigen Autorin kippte das eine in das andere: Sexuelle Gewalt findet ihre Steigerung in militärischer, die sich wieder in sexueller entlädt.

Die Barbarei bemächtigt sich leise eines Alltags, der banaler nicht sein könnte. Ein Mann und eine Frau in einem Hotelzimmer (Bühne: Jan Pappelbaum). Nur dass die Frau, ein verstörtes Mädchen, stottert, mit den Worten kämpft und sich kaum wehren kann, nicht so recht zum toughen Auftreten des Mannes passt. Er: ein Kotzbrocken, der den Ekel vor sich selbst mit Gin runterspült, ein latent gewalttätiger Macho, der weiß, dass er bald sterben wird und selbst das noch in der Pose des Cowboys ausstellt.

Sie: ein naives, etwas zurückgebliebenes Kind in abgerissenen Klamotten. Sie sagt: Ich mag dich. Er zwingt sie, ihn mit der Hand zu befriedigen. Die Geräusche, die er dabei von sich gibt, klingen weniger nach Genuss als nach einer schmerzhaften medizinischen Operation. Während sie hilflos woanders hinsieht, als ginge das, was ihre Hand da gerade tut, sie nichts an. Dieses Mädchen bewahrt sich ihre Unschuld. Auch im Schmutz, durch den sie der Abend jagt. Wie Katharina Schüttler das spielt, ist ein Ereignis: Nie fällt diese beeindruckende Schauspielerin in die naheliegenden, verlogenen Klischees des kleinen, süßen Mädchens. Immer spielt sie gleichzeitig Verstörtheit und Unschuld. Ihr wird Gewalt angetan, und trotzdem ist sie ganz bei sich.

Ulrich Mühe, der den selbstmitleidigen Vergewaltiger im Hotelzimmer spielt, zeigt das Gegenteil: Härte, ins Fleisch, ins Herz gewachsene Verhärtung. Mühe spielt seinen Ian, als wollte er Adornos These von der Selbsterhaltung, deren Preis das Selbst, die menschliche Natur sei, so kalt und brutal wie möglich illustrieren. Leider bleibt er – vielleicht notgedrungen – an der Oberfläche. Er spielt einen Mann, der schon längst allen Kontakt zum eigenen Gefühl gekappt hat, und am liebsten nicht der Boulevardreporter wäre, der er ist, sondern ein Killer. Das sind so die kaputten Männerträume.

Aber, und das ist die Raffinesse des Stücks wie der Inszenierung: Genau diese Killer-Fantasien sind plötzlich real. Wird in der ersten Hälfte des Abends die Intim-Gewalt zwischen Ian und Cate langsam gesteigert, bis aus einem asymmetrischen Verhältnis ein nacktes Gewaltverhältnis geworden ist, dreht sich das Muster im zweiten Teil um. Plötzlich ist der Täter Ian Opfer geworden. Ein Soldat (gefährlich freundlich: Thomas Thieme) hat das Hotelzimmer gestürmt, und öffnet mit der Bemerkung „jetzt gehört uns die Stadt“ seine Hose. Wie um das Wegbrechen zivilisatorischer Sicherheiten abzubilden, löst sich das Hotelzimmer auf, die Decken und Wände schweben zur Seite. Nun sind der Soldat und Ian alleine auf dem Bett in einem leeren Raum, kalt und fahl von Neonröhren angestrahlt.

Der Vorgang, dass ein Täter zum Opfer wird, könnte banal sein – wenn Thieme seinen Krieger, den neuen Täter, nicht gleichzeitig wieder als Opfer erlittener Gewalt-Traumata zeigen würde. Als er in einem Akt barbarischer Unterwerfung Ian anal vergewaltigt, ist das kein Triumph des Gewaltherrschers, sondern ein trauriges Echo selbst erlittener Gewalt. Als die Exzesse ihrem Höhepunkt zusteuern – der Soldat beißt Ian die Augen aus dem Kopf und isst sie auf – erschießt sich der Bürgerkriegs-Soldat. Das Ende ist fast optimistisch. Cate bringt dem verstümmelten, verzweifelten Ian Gin und etwas zu essen. Etwas wie Zivilisation beginnt, vielleicht nur für diesen einen Moment. Das letzte Wort des Abends ist Ians „Danke“.

Wenn man dieser in jeder Hinsicht handwerklich glänzenden, klug durchdachten Inszenierung etwas vorwerfen kann, ist es ihre Perfektion. Hinter der gekonnt hergestellten, fast filmisch ablaufenden Erzählung schimmert etwas zu deutlich der Stolz auf die eigene Könnerschaft durch. Das könnte eitel wirken, wäre das Thema für Eitelkeitsübungen nicht zu düster.

Wieder heute und am 19., 21., 22. März

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