SAGENHAFTES Frankfurt : Andacht und Amazon

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Mittwochnachmittag, 17 Uhr. Das bedeutet für die Literaturkritiker, sich auf den Weg in die Klettenbergstraße zu machen, ins UnseldHaus, zum traditionellen Suhrkamp-Kritiker-Empfang. Warum jedes Jahr aufs Neue alle wieder da sind, vermag anschließend keiner zu erklären. „Bizarr“ sei es gewesen, sagt einer, der das erste Mal dabei war, „wieder einmal richtig herrlich“, sagen die Veteranen, „etwas spröde“ die, die die Rowohlt-Party seit jeher für das glamouröse Event halten. Der Glamour hat bei Suhrkamp eben etwas Spezielles, der rührt vom Haus her, von dem schönen blauen Teppich, dem gemalten Robert-Walser-Porträt oder den Unseld-Büchern, die auf einem kleinen Tischchen liegen, ganz zu schweigen von der Bibliothek mit den Suhrkamp-Bänden.

Die Verlegerin kommt gegen halb sechs die Treppen heruntergeschwebt, wie üblich ganz in Schwarz, um die anwesenden Autoren zu nennen, eine kleine Rede zu halten und den Gast vorzustellen, in diesem Jahr den chinesischen, in Taiwan im Exil lebenden Autor Bei Ling. Ulla Unseld-Berkéwicz scheint aber etwas lustlos zu sein. Die Namen der Autoren liest sie noch mit einer gewissen Emphase vor. Auf weihevolle Worte zur Situation des Geistes in unserer Republik aber verzichtet sie, und auch die Vorstellung des ebenfalls ganz in Schwarz gekleideten Bei Ling fällt extrem knapp aus: Er sei „kein Oppositioneller, sondern einer, der sich für die Unterdrückten, die Inhaftierten einsetzt“. Das ist auch deshalb unbefriedigend, da Bei Lings auf Englisch gehaltene Rede nicht gerade gut zu verstehen ist und im Anschluss keiner so genau weiß, um was es eigentlich ging. Thomas Sparr jedenfalls, der zweite Mann bei Suhrkamp, sagt dann, in seinen 21 Kritiker-Empfangs-Jahren sei noch nie so aufmerksam und andächtig einer Rede gelauscht worden. Nun ja.

Wie immer ist auch der Schriftsteller Thomas Meinecke da, wie immer im Holzfällerhemd. Und wie immer weiß er eine schöne Geschichte zu erzählen. Meinecke ist einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die derzeit ins Englische übersetzt werden. Seine Romane „Tomboy“ und „Hellblau“ erscheinen demnächst bei einem der Amazon-Verlage, Amazon Crossing, zuständig für ausländische Literatur. Entdeckt hat ihn eine dort arbeitende „Postpunkerin“, wie er sagt. Schon deshalb habe er keine ideologischen Probleme mit seinem Deal. Bizarr findet er etwas anderes: „Ich bin jetzt Amazon-Autor, habe dort aber keine Kundennummer.“ Er hat noch nie etwas bei Amazon gekauft.

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