Kultur : Sagenhaftes und historisch Verbürgtes aus Berlin und Brandenburg

Andreas Conrad

Die Schlacht war verloren, da war nichts zu machen. In mehreren Schlachten waren die Mannen des aufständischen Wendenfürsten Jaczo von Köpenick 1157 durch die Truppen Albrechts des Bären niedergesäbelt worden, zuletzt bei Spandau, und ihr glückloser Heerführer sah sein Heil nur noch in der Flucht. Die Feinde dicht auf den Fersen, sprengte er durch den Wald, sein Pferd zusehends erlahmend, und nun auch noch das: die Havel. In höchster Not entsagte da Jaczo seiner heidnischen Gottheit Triglav, schwor, hinfort dem christlichen Gotte zu dienen, wenn er ihn nur rette. Und siehe da, der Gaul ging nicht unter, durchquerte den Fluß und erklomm eine Landzunge.

Gewiss, man kennt das, die Schildhorn-Story, die reichlich ausgeschmückte Geschichte von der Niederlage Jaczos, der Berlin ein immerhin von Friedrich August Stüler entworfenes, nach Kriegszerstörung 1954 wieder hergestelltes Denkmal verdankt. Und die Landzunge, an der Jaczo angekommen sein soll, ist ein hübscher Ausflugsort. Aber vom Jaczo-Turm an der Gatower Straße in Spandau, 1914 von einem lokalpatriotischen Fabrikanten errichtet, weiß kaum einer, ein kundiger Wegweiser ist da vonnöten.

Reinhild Zuckschwerdt hat ihn geschrieben, in der Reihe "Die schwarzen Führer", mit der der Freiburger Eulen-Verlag dem Leser "Mysteriöses, Geheimnisvolles, Sagenhaftes", diesmal aus Berlin und Brandenburg und alphabethisch geordnet von Angermünde bis Wolterdorf, nahe bringen will. Dahinter darf man keineswegs nur Spukgespenster, Wiedergänger, Wasserfeen und Waldgeister, kurz: das übliche Gruselpersonal erwarten. Sicher, der mumifizierte Ritter Kahlbutz aus Kampehl treibt auch diesmal sein Unwesen, auch das Biesenthaler Burgfräulein fehlt nicht, das sich fast mit dem Teufel vermählt hätte, ihm viel Gold abluchste und dafür von dem Gehörnten verflucht wurde. Aber es findet sich neben dem Sagenhaften auch jede Menge historisch Verbürgtes, über die Entstehung des Brandenburger Tores etwa, über das Reiterstandbild Friedrichs II. oder die Granitschale vor dem Alten Museum. Der harte Kern wird dabei stets von Anekdoten umrankt, die bisweilen weder mysteriös noch geheimnisvoll noch sagenhaft, aber hübsch zu lesen sind und einem das Land vielleicht näher bringen als es nüchternere Reiseführer vermögen. Geschichten etwa wie der vom Alten Fritz, bei dem sich religiös allzu strenge Dorfbewohner über ihren Lehrer beklagten, der partout nicht an die Wiederauferstehung glauben wolle. Sein Urteil: "Er soll in seinem Amte bleiben. Wenn er am Jüngsten Tag nicht aufstehen will, dann kann er ruhig liegenbleiben."Reinhild Zuckschwerdt: Die Schwarzen Führer - Berlin-Brandenburg. Eulen Verlag, Freiburg i. Br. 1999. 216 Seiten, 29.80 DM

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