Said : "Bald ist die Jugend kampferprobt"

Vor seinem Auftritt in Berlin spricht Exilautor Said über die Unreformierbarkeit der Diktatur und die Zukunft des Iran

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Rebellion der Frauen. Wahlkampfszene vom Sommer, als Hunderttausende in Teheran spontan für Oppositionsführer Mussawi und gegen...EPA

Herr Said, seitdem Sie 1965 ins Exil nach Deutschland kamen, beobachten Sie das Geschehen in Ihrem Land. Schon während der Amtszeit Chatamis hielten Sie die Islamische Republik für unreformierbar. Die Regierung Ahmadinedschads sowie die Protestbewegung nach der jüngsten Wahl scheinen Ihnen recht zu geben.

Ideologische Diktaturen sind nicht reformierbar. Wie wollen sie beispielsweise den Schleierzwang reformieren? Zentimeterweise? Oder gilt er nur am Dienstag und dafür am Mittwoch nicht? Der Zwang muss vollständig aufgehoben werden, es gibt keine Alternative, und das gilt für alle Bereiche. Chatami versprach Reformen, keine einzige ist durchgeführt worden. Das Fanal war das Pressegesetz, auf das man bis heute vergeblich wartet. Ein Teil des ersten Wahlerfolges von Ahmadinedschad geht auf diese Reformunfähigkeit zurück. Was hat die Islamische Republik dem Land gebracht? Armut, Jugendarbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit und Prostitution. Weil die Leute müde waren, hat Ahmadinedschad mit der Atomfrage auf den Nationalismus gesetzt.

Wie schätzen Sie den iranischen Antisemitismus ein?

Die Hetze gegen Israel nehme ich nicht ernst. Kein einziger Iraner ist daran interessiert. Ahmadinedschads Opfer werden Iraner sein: Linke, Frauen, Minderheiten, Journalisten, Schriftsteller.

Wie versucht die Islamische Republik ihren Fortbestand zu sichern, wenn sie immer unpopulärer wird?

Der Clou ist, trotz anderslautender Parolen, dass das Regime eine Kooperation mit den USA ersehnt – weil der Iran Geld braucht. Als zweitwichtigster Erdölexporteur der Welt importiert das Land vierzig Prozent seines Benzinbedarfs. Um die Raffinerien zu modernisieren, braucht das Land viel Geld, und dieses Geld haben nur die Amerikaner. Wenn der „Große Satan“ wirtschaftlich in den Iran investiert, dann ist der Fortbestand der Islamischen Republik für die nächsten zwanzig Jahre gesichert. Ob Ahmadinedschad diese Zeit selbst überlebt, ist fraglich. Es gab bereits zwei Attentatsversuche auf ihn. Wer sich hinstellt und sagt: „Ich bin die zweite Revolution, und ihr seid alle korrupt“, begibt sich in Gefahr, zumal er ja recht hat: Die Ajatollahs sind alle korrupt.

Ist die Protestbewegung nach der letzten Wahl eine unumkehrbare Wende in der Geschichte der islamischen Republik?

Sie war wie ein Schrei, der hinausmusste. Das Regime hat die Menschen bei der Wahl verhöhnt. Sie fühlten sich betrogen und erniedrigt. Die Bewegung war nicht organisiert, keine Struktur, keine Führer. Obgleich Mussawi und Karrubi alles unternommen haben, um sie für ihre Ziele zu kanalisieren. Die Bewegung hat Risse in der Mauer der Diktatur sichtbar gemacht. Das Ausmaß der Bewegung, ihre Parolen, ihre Phantasie, der Grad der Solidarität in der Bevölkerung war überraschend für alle – besonders für die Machthaber selbst. Eine junge Frau sagte vor laufender Kamera: „Das Regime hat sogar vor unserem Schweigen Angst.“ Junge Mullahs standen in der ersten Reihe der Protestzüge; so etwas war vor einem Jahr undenkbar. Zuweilen nahmen von einer Familie drei Generationen an einer Demonstration teil: Großvater, Sohn und Enkel.

Ist die Spontanität der Bewegung nur auf die Wut über das undurchsichtige Wahlergebnis zurückzuführen?

Diese Bewegung hatte einen starken Verbündeten: die digitalen Kommunikationsmittel. Ich habe täglich Videos bekommen. Einfache Menschen nehmen sie mit ihren Handys auf und stellen sie ins Netz. Das wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen. Ergreifend war die Szene am Grab von Neda, der jungen Frau, die am Anfang der Proteste auf der Straße erschossen wurde. Das Regime verbot die Trauerfeier. Ein Video zeigt eine alte Frau im Schleier, die an Nedas Grab ein Gebet spricht. Ein Polizist drängt sie. Die alte Frau dreht den Kopf und sagt: „Nun habt ihr sogar Angst vor den Toten?“ Dieses Land wird fortan nicht leicht zu regieren sein. Die Protestbewegung hat die Agonie der islamischen Republik eingeläutet – diese kann aber lange dauern.

Wird die staatliche Repression sich eher kontraproduktiv auswirken, oder ist der Apparat so stark wie einst in China nach Tiananmen?

Der Apparat stützt sich auf mehr als eine Million Bassiji-Milizen. Das sind Leute, die ihren Berufen nachgehen und folglich in der Bevölkerung bekannt sind. Sie verteidigen nicht die Islamische Republik, sondern die eigene Haut. Dazu kommen die Revolutionsgardisten, geschätzte 200 000 Einheiten. Ahmadinedschad setzt darauf. Auch im neuem Kabinett sind die Revolutionsgardisten gut vertreten. Doch es ist nicht bewiesen, dass sie ihm die Treue halten. Der Machtkampf zwischen dem Präsidenten und dem Klerus steht erst bevor – das Ende ist offen.

Wie nahe an die Realität kommt Ihrer Meinung nach die Berichterstattung in den deutschen Medien?

Sie hängt wieder einer Illusion nach. Unmittelbar nach den Protesten wurde Mussawi als „Kandidat des Westens“ bezeichnet oder gar als „Oppositionsführer“. Die deutsche Presse liebt solche Figurinen, die man hochspielt – bis ihre Haltbarkeit verfallen ist. Die Herren Mussawi und Karrubi sind Teile des Systems; das haben sie auch nie geleugnet. Bestenfalls suchen sie eine Lösung innerhalb der Familie.

Welche langfristigen Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der iranischen Bevölkerung könnte es geben?

Die Jugendlichen von heute werden bald älter, reifer und kampferprobt sein. Die Unzufriedenheit nimmt allgemein zu, vor allem wirtschaftlich, und die nächste Protestbewegung bringt vielleicht eigene Führer hervor. Besonders wichtig ist die Rolle der Frauen, die ja die Hauptopfer dieses Regimes sind. Doch entscheidend ist, ob die Machthaber hieraus lernen. Oder sind sie so verblendet, dass sie nur auf Gewalt setzen? In diesem Fall muss das Regime früher oder später mit einer gewaltsamen Antwort rechnen.

Haben Sie sich eigentlich damit abgefunden, Ihr Land auch weiterhin nur aus der Ferne zu betrachten?

Das Herz sagt Nein, der Kopf sagt Ja. Während ich den Bildern in meinem Kopf nachhänge, entwickelt sich dieses Land. Sollte ich, wie ich hoffe, eines Tages in den Iran zurückkehren können, werde ich es wohl kaum wiedererkennen. Wenn ich Landsleute treffe, frage ich sie gern, aus welchem Ort sie stammen. Wenn es ein kleines, mir unbekanntes Dorf ist, bitte ich sie, mir die nächstgelegene Stadt zu nennen. Einmal habe ich gemutmaßt, dass die genannte Stadt mittlerweile wohl annähernd 80 000 Einwohner haben dürfte, doch weit gefehlt. „2,5 Millionen!“, erhielt ich zur Antwort. „Wo denkst du hin? Wir haben Universitäten, U-Bahnen …“ Das ist die Entfremdung. Die Bilder in meinem Kopf entsprechen nicht mehr der Realität.

Das Gespräch führte Piero Salabè.

Der iranische Dichter Said, 1947 in Teheran geboren, kam 1965 nach Deutschland. Nach dem Sturz des Schahs kehrte er 1979 kurzzeitig zurück, aber wegen des Mullah-Regimes ging er erneut ins deutsche Exil. Seine Bücher erscheinen bei C. H. Beck, zuletzt die Erzählungen „Der Engel und die Taube“.

Unter dem Titel „Poesie ist Befreiung …“ veranstalten Writers in Prison und das Internationale Literaturfestival am Dienstag um 20 Uhr im Haus der Berliner Festspiele einen von Said geleiteten „Abend für die Verfolgten im Iran“. Es lesen Corinna Harfouch, Jutta Hoffmann, Jutta Lampe und B. K. Tragelehn.

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