Saisonabschluss : Philharmoniker lassen die Waldbühne beben

Urlaub haben die Berliner Philharmoniker noch lange nicht: Sie verbringen den Sommer musizierend in Aix-en-Provence. Doch ihr Konzert zum Abschluss der Saison in der Waldbühne lassen sie sich dennoch nicht nehmen: "Russische Rhythmen".

Ulrich Amling

Doch, das Konzert zum Saisonabschluss der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne ist ein kultureller Höhepunkt. In den Warteschlangen freut man sich über die herzhafte Berliner Variante der Deeskalation und den Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, ganze Theken der Feinschmeckeretage des KaDeWe an der Taschenkontrolle vorbeizuschleusen. Es soll gefeiert werden, auch wenn die Wolken tief über den Wipfeln hängen. Die Philharmoniker fallen freudig in La-Ola- Wellen ein, um die klammen Glieder vor dem Konzert noch einmal zu wärmen. Für sie geht es längst nicht mehr um den traditionell beschwingten Urlaubsbeginn mit Picknick, sondern ums Durchhalten. Den Sommer verbringen Rattles Musiker musizierend beim Festival in Aix-en-Provence.

Doch zuvor „Russische Rhythmen“ in der Waldbühne, eine Klassikspeisung der 20.000. Simon Rattle weiß, dass hier kräftig gewürzt werden muss, und lässt dampfend Brust und Keule von Tschaikowskys „Nussknacker“ servieren. Schmeckt die als amuse gueule auf den Tisch bugsierte Ouvertüre noch etwas fad, versprechen die ersten beiden Nummern des ersten Aktes pralle Aromen und üppige Portionen. Doch leider ist der Zauber nicht von Dauer, denn das Gelage findet seinen Fortgang mit Rachmaninows drittem Klavierkonzert. So ein solistischer Kraftakt, unerschütterlich von Yefim Bronfman in die Tasten gemeißelt, findet im Waldesrund naturgemäß nur schwache Resonanzen. Mit seinen durchaus neurotischen Zügen übersteigt das Werk nicht nur das Fassungsvermögen der anwesenden Säuglinge hörbar. Bronfmans ursprünglich geplante Zugabe, Chopins Revolutionsetüde, fegen Wind und Regen von der Bühne.

Blitz und Donner sind wahrlich passende Begleiter für die Urgewalten, die die Philharmoniker mit Strawinskys „Le sacre du printemps“ entfachen. Ein Berliner Paradestück, rau und fordernd, bis zum Bersten geräuschhaft. Die Elemente beben, der Mensch harrt aus unter seiner Regenplane. Wasser schwappt in Tupperdosen. Es wirkt, als hätte eine unbekannte Katastrophe den Ort heimgesucht. Erst ein schwereloser Tschaikowsky-Pas-de- deux zaubert ein Lächeln auf die nassen Gesichter. Dann wird mit der „Berliner Luft“ der Abmarsch angestimmt, Rattle flieht in die letzte Reihe und schwingt die Becken. 

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