Saisonauftakt am Deutschen Theater : Mehrheit ist Unsinn

Deutsches Theater: Stephan Kimmig kombiniert Friedrich Schillers Fragment „Demetrius“ mit Mario Salazars „Hieron“ - eine schwierige Mischung

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Wenn er fällt, dann schreit er. Felix Goeser in der Titelrolle des „Demetrius“.
Wenn er fällt, dann schreit er. Felix Goeser in der Titelrolle des „Demetrius“.Foto: Eventpress Hoensch

Das ist natürlich ein Zitat mit Wucht: „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.“Und ein paar Verse später: „Der Staat muss untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“ So antidemokratisch unheilverkündend spricht Fürst Sapieha in Friedrich Schillers Dramenfragment „Demetrius“ aus dem Jahr 1805, das vom „falschen Demetrius“ erzählt, der sich zum Zar von Russland aufschwingt, weil er sich für den Sohn von Iwan dem Schrecklichen hält, und ganz schnell wieder untergeht, als er erfährt, dass er kein echter Iwan-Sohn, sondern nur Opfer einer Intrige ist.

Ole Lagerpusch steht links in Rampennähe, lässt comedymäßig die Schultern hängen und spricht das Unerhörte lässig aus, während rechterhand in einem Labyrinth aus Sperrholzwänden (Bühne Katja Haß) hinter videobildübergossenem Gazevorhang und unter Zuhilfenahme von reichlich Kunstblut das Demetrius-Unheil seinen Lauf nimmt.

Mehrheit ist also Unsinn! So, so. Bei so viel Theaterei hätte man das Unerhörte fast überhört. Dabei bildet der Sapieha-Monolog doch das Zentrum des Abends, den Punkt, von dem aus seine windschiefe Sperrholzkonstruktion für einen Moment sogar sinnhaft erscheint.

„Demokratie und Krieg“ lautet das Spielzeitmotto des Deutschen Theaters. Das ist groß und aktuell und gut. In den nächsten Monaten kommen etwa die Stücke „Yellow Line“ von Charlotte Roos und Juli Zeh und Rik van den Bos „Leerlauf“ auf die Bühne, das von den Traumata eines ehemaligen NATO-Soldaten erzählt. Und Andreas Kriegenburg inszeniert im Dezember David Grossmans „Aus der Zeit fallen“, das den Verlust von Grossmans Sohn thematisiert, der 2006 im Libanonkrieg gefallen ist.

„Demokratie und Krieg“ – das ist allerdings auch so aktuell und nah (Snowden!, Syrien!), dass man schnell das Thema vor lauter Fragezeichen nicht mehr sieht. „Wovon sprechen wir, wenn wir von Demokratie sprechen?... Wie wird Krieg in Demokratien thematisiert?“ Ein weites Feld, das man auf der Bühne wenigstens „abzustecken“ versucht, wie es in der Spielzeitzeitung mit sympathischer Zurückhaltung heißt.

Von einem bescheidenen Abstecken der Verhältnisse ist allerdings auch Stephan Kimmigs Doppelabend, bei dem er Schillers „Demetrius“-Fragment mit der Uraufführung von „Hieron“ kombiniert, einer simpel gestrickten Dystopie des jungen, in Berlin lebenden Autors Mario Salazar. Es ist die Spielzeiteröffnung, aber der Abend strahlt in seiner Mischung aus achselzuckender Ratlosigkeit und ambitionsloser Routine eine Verschlafenheit aus, als befänden sich alle Beteiligten noch tief im Theatersommerloch.

„Hieron“ ist ein Monster von einem Herrscher. Er hat die Welt in eine „vollkommene Welt“, sprich ein Arbeitslager, verwandelt. Die Menschen leben nur noch für die Arbeit und werden hingerichtet, sobald sie keinen Job mehr haben. Sprechen ist verboten und am einzigen freien Tag – Weihnachten! – müssen die Familien zusammenkommen und ein Familienfoto schießen, obwohl sie sich kaum kennen. Leider können sich die Eltern nur noch vage an ihre Kinder erinnern, denn ihr Gedächtnis ist auch gelöscht. Die Zeit ist vernichtet, wie Hieron einmal stolz zu seinem Berater Simonides sagt. Produktivität frisst Seele auf.

Die kleine Pointe der Parabel besteht darin, dass die Maschinerie der Entmenschlichung auch ihren Erfinder verschlingt. Hieron langweilt sich fast zu Tode, würde aber, wenn er sich unters Volk mischte, selbst hingerichtet, weil ihn keiner erkennt. Hat der Text wenigstens logische Geschlossenheit, bricht Kimmig die Strenge auf und teilt jeder Handlungsebene eine Spielweise zu. Sie wollen alle nicht zueinander passen.

Als Kopie von Marlon Brando in „Apocalypse Now“ schleppt sich ein mit künstlichem Gesichtsfett aufgeschwemmter Felix Goeser auf Krücken pathetisch durch seine entleerte Folterwelt, während die unterdrückte Sklavenfamilie zur weihnachtlichen Ente mit aufgerissenen Augen ihre Roboterhaftigkeit vorführt, um dadurch mit Gewalt ein paar lakonische Witzmomente aus der düsteren Vorlage zu pressen, die dort gar nicht vorhanden sind.

Wie in manchen Konzerten, in denen das klassische Stück nach dem zeitgenössischen gespielt wird, um das Publikum am vorzeitigen Gehen zu hindern, kommt auch hier der Schiller nach der Pause. Und es wird insofern besser, als Felix Goeser nun als Demetrius immerhin zeigen darf, was er kann. Er kämpft sich, taumelnd zwischen Woyzeck-Wahn und Hamlet-Empfindlichkeit, auf den Thron, um dort zu erfahren, dass er nicht der ist, der er glaubte zu sein. Doch statt fein die Fäden der Intrige zu konturieren, um deutlich zu machen, wie der „falsche Demetrius“ von anderen zu ihrem Vorteil missbraucht und gelenkt wird, statt das Spiel um die Macht vorzuführen, setzt Kimmig, plakativ wie im ersten Teil, nun einzig auf die Diskrepanz zwischen Sein und Schein.

Die Schauspieler wechseln immer wieder zwischen Barockkostümen und heutiger Bürokleidung (Kostüme Anja Rabes) und müssen die nachlassende Aufmerksamkeit des Zuschauers unablässig mit riesigen Gesichtsprojektionen von ornamentaler, also Nullbedeutung teilen. Und was hält die beiden Stücke nun zusammen? Die schlichte Schlussfolgerung etwa, dass Mehrheiten nicht nur dumm, sondern Herrscher auch nichts als arme Schweine sind?

Es ist ein wahrlich weites Feld.

Wieder am 2., 13. und 23.9.

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