Saisonstart am Grips-Theater : Der frühe Vogel trinkt die Flasche

Im Grips-Stück „Aus die Maus“ treffen ein Entertainer und eine Obdachlose aufeinander. Kehrt das Theater mit seinem neuem Leiter zurück zum Glauben an die Veränderbarkeit der Welt? .

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Konfetti statt Knete. Regine Seidler und Frederic Phung. Foto: imago/DRAMA-Berlin.de
Konfetti statt Knete. Regine Seidler und Frederic Phung.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Mitten in die schöne Show platzt die schnöde Realität. Gerade verzaubert der Motivationscoach im Mäusekostüm sein Kinderpublikum mit Taschenspielertricks und Glückskekssprüchen der Sorte „Es gibt Tage, an denen ist das Leben wie ein warmer Sommerregen“, da poltert und klirrt es hinter den Kulissen. Der Zaubermaus vergeht schlagartig das mühsam antrainierte Lächeln. Auf der Bühne steht unversehens eine Obdachlose mit ihren Habseligkeiten in Plastiktüten, die heimlich im Theater wohnt und sich für Magie und Optimismus-Entertainment ziemlich unempfänglich zeigt. Stattdessen hält sie mit ihren ganz eigenen Lebensweisheiten dagegen: „Der frühe Vogel fängt die Flasche“. Wie soll der Frohsinns-Verkäufer aus der Nummer wieder rauskommen?

„Aus die Maus“ heißt das Stück, mit dem das Grips-Theater seine erste Saison unter der dem neuen künstlerischen Leiter Philipp Harpain eröffnet. Klar ist die Premiere damit auch ein Gradmesser, wohin das Haus nach Jahren der Richtungsquerelen zwischen Leiter Stefan Fischer- Fels und Gründer-Geschäftsführer Volker Ludwig nun steuert. Zurück zum musikalisch befeuerten Glauben an die Veränderbarkeit der Welt? Oder in eine Zukunft voller Ungewissheiten? Von beidem ein bisschen.

Andockmöglichkeit an kindliche Erlebniswelt

„Aus die Maus“, eine Geschichte über Obdachlosigkeit für Menschen ab acht, greift Grips-typisch soziale Missstände mit Andockmöglichkeiten an die kindliche Erlebniswelt auf. Schließlich dürfte das junge Zielpublikum in Berlin schon mal U-Bahn gefahren sein. Andererseits ist der Tonfall hier deutlich ruppiger als, sagen wir, bei den „Millibillies“. Die Regisseurin, Komikerin und Autorin Nadja Sieger hat das Stück auf Harpains Anregung gemeinsam mit dem Kinderpsychologen und Autor Georg Piller entwickelt, nächtliche Recherchereise im Kältebus inklusive. Das Programmheft ist zudem in Kooperation mit der Obdachlosen-Zeitschrift „Straßenfeger“ entstanden, also, Berührungsängste wurden konsequent abgebaut.

Diese Straßenfeger-Grips-Ausgabe enthält auch ein Interview mit Noch-Innensenator Frank Henkel, in dem dieser seine eigenen harten Erfahrungen als wohnungsloser DDR-Flüchtling ausbreiten darf („Im Notaufnahmelager Marienfelde teilte ich mir mit meinen Eltern ein kleines Zimmer. Ich schlief in einem Doppelstockbett“). Nicht ganz klar, ob das Satire sein soll, aber das nur am Rande.

Jedenfalls legen sich Regieteam und Schauspieler ganz schön ins Zeug, um keine falsche Sozialromantik aufkommen zu lassen. Regine Seidler spielt ihre Obdachlose toll als versoffene Kratzbürste, die einen zwischen Anteilnahme und Abscheu schwanken lässt. Sie hat eine Tochter und sicher eine harte Kindheit hinter sich. Aber ihre Geschichten sind oft krude zusammengesponnen und ihre stinkende offene Wunde an der Hand macht die Annäherung nicht eben leichter.

Elend sehen, lieber nichts tun

Dem Grips-Neuzugang Frederic Phung (auf alle Fälle ein talentierter Zauberer) fällt als Motivations-Maus dagegen unser aller täglicher Part zu: man sieht das Elend, will ja auch irgendwie helfen, fühlt sich aber schnell überfordert und tut lieber gar nichts.

Der Dialog zwischen den beiden entfaltet in Siegers Regie einigen schrägen Witz. Ob der bei den Jüngsten schon ankommt, wird sich zeigen. Fraglich auch, was Noch-Kulturstaatssekretär Tim Renner aus dem Stück mitgenommen hat. Der saß jedenfalls in der Premiere. Womöglich, weil er den Inhalt des Offenen Briefes überprüfen wollte, den vor wenigen Tagen Grips, Parkaue, Atze, Theater Strahl und Theater o. N. auch an seine Adresse gerichtet haben, mit der Forderung nach finanzieller Stärkung ihrer Arbeit. Die Berliner Kinder- und Jugendtheater, heißt es darin, seien „gelebte Integration“. Hier würden „Werte vermittelt, Fragen gestellt, Lösungsansätze präsentiert, ästhetische Experimente gemacht, Wagnisse eingegangen“.

Zumindest das meiste davon darf sich auch „Aus die Maus“ auf die Fahne schreiben.

Grips-Theater, Altonaer Str. 22 (Tierg.). Nächste Vorstellungen: Do, 6.10., 10 Uhr, Fr, 7.10., 10 Uhr, Sa, 8.10., 16 Uhr, Mo, 10.10., 10 Uhr, Di, 11.10., 10 Uhr.

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