Saisonstart der Deutschen Oper mit "Oresteia" : Premiere auf dem Parkhaus-Deck

Zum Saisonauftakt der Deutschen Oper überrascht David Hermann die Zuschauer mit einer brillanten Premiere. Er macht die Not kurzerhand zur Tugend und inszeniert Iannis Xenakis’ „Oresteia“ - auf dem Parkhaus-Deck.

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„Oresteia“ von Iannis Xenakis auf dem Deck des Parkhauses!
Die Umbauphase der Deutschen Oper wird zur ingeniöse Tugend: „Oresteia“ von Iannis Xenakis auf dem Deck des Parkhauses!Foto: dpa

Ein grandioser Saisonauftakt! Durch die riesigen Stahltore des Kulissenmagazins geht es in den Palast der Atriden. Die Deutsche Oper macht aus der Not, dass die Hauptbühne wegen der Verfertigung einer neuen Obermaschinerie derzeit nicht bespielt werden kann, eine ingeniöse Tugend: „Oresteia“ von Iannis Xenakis auf dem Deck des Parkhauses! Das heißt open air zwar unter nächtlichem Himmel, aber zwischen hohen Betonmauern. Regisseur David Hermann und zumal sein Bühnenbildner Christof Hetzer profitieren von dem optischen Angebot des Ortes und überraschen die cirka 500 Zuschauer mit einer brillanten Premiere.

„In altgriechischer Sprache“: Als Anweisung für ein Musiktheater des 20. Jahrhunderts nimmt sich der Schritt ins antike Vorgestern einigermaßen befremdlich aus. Xenakis hat erklärt, worum es ihm dabei ging. Nämlich um den Grundgedanken, durch Musik die Sprache des Aischylos in ihrer Poesie zu vermitteln. Keine Übersetzung könne diese Schönheit erreichen. Da Xenakis seine eigene Musik meint, sucht er ein Gefüge von Vergangenheit und Zukunft.1964 wohnte er als Gast des Berliner Künstlerprogramms im Grunewald, versehen mit dem Ritterschlag einer umstrittenen Donaueschingen-Uraufführung seiner „Metastasis“. Glissandi, 46 individuelle Streicherstimmen folgen als Massenklänge mathematischen Gesetzen. Wahrscheinlichkeitsrechnung tritt in die Musik ein, Xenakis verlässt den seriellen Konsens. Sein Leben sei „nicht wichtig“, sagte er damals in Berlin, weil er über seine Verletzung im griechischen Bürgerkrieg nicht reden mochte. Aber über Messiaen und Le Corbusier in Paris. Architektur und Musik stehen für Xenakis eng beieinander.

Der Erbfluch des Atridengeschlechts

Fasziniert vom Blütenalter der Griechen, avisiert er zunächst eine Schauspielmusik. Zur „Oresteia“ von Aischylos erklingt sie 1966 in einer amerikanischen Kleinstadt und zieht über mehrere Fassungen die Oper nach sich. Mit den Teilen „Agamemnon“, „Choephoren“ und „Eumeniden“ folgt sie der Dramaturgie des archaischsten unter den klassischen Dramatikern. Verhandelt wird mit überwältigender Wucht der Erbfluch des Atridengeschlechts. Inwiefern aber sind sie schuldig, Agamemnon, seine Gattin Klytämnestra, die ihn im Bad erschlägt, und Orest, der Sohn, der nicht anders kann, als den Vater zu rächen, indem er die Mutter tötet? Schuldverstrickung und Weltordnung können nicht heftiger diskutiert werden als in dieser Tragödie, aus der Athene den Muttermörder befreit. Kassandra ist die Seherin, die sich unter der unvorstellbaren Strafe Apolls windet, dass ihre visionären Sprüche niemand glaubt. Xenakis hat ihre große Szene 1987 nachkomponiert. Machtlos klagend prophezeit die Priesterin Unheil und Gräuel des Hauses Agamemnon.

Jubelfinale mit Kinderchor

In der Oper wird die Rolle von einem Mann gesungen, einem zwischen Falsett und Bruststimme changierenden Bariton, den Schlagwerk und Psalterion begleiten. Der neue Einschub wird zum erschütternden Zentrum der Tragödie. Wie ein Juwel in einer mediterranen Pflanze erscheint diese Kassandra, um sich in den Tod zu singen: Seth Carico, anzuschauen wie ein heiliger Sebastian, vollbringt vokale Bravourstücke, die zugleich emotional anrühren. Hermanns Regie prangt mit Virtuosität, wenn sie die fulminanten Chöre auf breiter Treppe hoch- und niederjagt. Die alten Griechen sehen wie greisenhafte Fabelwesen aus.

Selbst Elektra und Orest sind chorisch besetzt mit je drei Solistinnen und Solisten. Doubles agieren stumm zum Verständnis der Handlung. Unwiderstehlich ist der Energiestrom der Musik, der von Bläsern in extremen Lagen, einem Cello und gigantischem Schlagwerk entfacht wird. Alles ist Rhythmus, den Musiker der Deutschen Oper unter Moritz Gnann mit Impetus auf die Szene werfen.

Endlich wird die Göttin Athene, von Michael Hofmeister toll gesungen, im Mercedes eingefahren, um Frieden zu stiften. Da sie in Outfit und Gehabe an ein Damenimitat von Hape Kerkeling erinnert, lässt das Jubelfinale mit Kinderchor alle Fragen offen.

Wieder am 12., 13., 15., 16. September

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