Kultur : Saiten-Sprung

ULRICH CLEWING

Klingt wie ein Widerspruch: Einerseits ist Video das Medium, das am ehesten geeignet ist, die Schnellebigkeit unserer heutigen Gesellschaft abzubilden.Andererseits muß der Betrachter von Künstlervideos etwas sehr Altmodisches mitbringen.An einer Skulptur läßt es sich bequem vorbeischlendern.Bei Filmen ist das anders.Um sie zu sehen, braucht man Zeit, Muße und manchmal auch Geduld.Und in gewissem Sinne ist die Zeit, die vergeht, auch Thema des Videos der Niederländerin Elske Neus.Der Film der 1971 in Utrecht geborenen Künstlerin ist eine von vier Videoarbeiten, die gegenwärtig im Rahmen der von Klara Wallner kuratierten Ausstellungsreihe "come in and find out, vol.1" im Berliner Podewil gezeigt werden.Es ist ein Schauspiel von aufreizender Monotonie: Eine junge Frau legt Wäsche zusammen.Dann faltet sie den Stapel Kleidungsstück für Kleidungsstück wieder auseinander.Das wiederholt sich eine quälend lange Viertelstunde.Elske Neus, so heißt es, verstehe diese sinnlose Tätigkeit als meditatives Exerzitium.Der Clou dabei aber scheint ein anderer zu sein.Die Animation des Films am Computer bewirkt, daß der lineare Handlungsablauf unterbrochen wird: Für den Bruchteil einer Sekunde scheint das Wäschestück der Frau aus der Hand zu gleiten und zu schweben.Dieser kurze, irreale Moment sagt viel mehr aus über die Relativität von Zeit und Zeitempfindung als alle bemühten Erklärungen - auch wenn sie von der Künstlerin selbst kommen.Doch sind im Podewil nicht nur Videos ausgestellt: Eine Paraphrase auf Joseph Kosuths berühmtes Frühwerk "One and three Chairs" von 1963 liefert der Belgier Erich Weiss, der das Ganze mit dem trashigen Charme der siebziger Jahre angereichert hat.Er präsentiert ein Standbild aus einem Softporno, zwei Schöne küssen sich gerade, im Hintergrund hängen dekorativ zwei akustische Gitarren (unsere Abbildung).Die zwei Gitarren tauchen nun auch realiter auf.Sie hängen neben dem Großfoto an der Wand.Lustig, lustig, ein Insiderwitz, mehr nicht.Die buchstäblich raumgreifendste Arbeit stammt von Joachim Grommek.Der 42jährige Wolfsburger, der seit 1983 in Berlin lebt, hat drei knapp mannshohe, absidial geformte Sperrholzwände im Foyer plaziert und dem offenen Raum damit das nötige Zentrum gegeben.Heimwerkermarkt trifft Kirchenarchitektur: Grommeks Installation ist eine subtile Mischung aus High und Low, die darüber hinaus ein derzeit aktuelles Phänomen illustriert - den Mehrwert der Kunst im Vergleich zum Design.

Podewil, Klosterstraße 68-70, bis 21.Juni; Montag bis Sonnabend 14-22 Uhr.

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