Kultur : Sakrale Disziplin

Vater & Tochter: Fritz und Barbara Klemm – eine Ausstellung in Dresden

Michael Zajonz

Es ist ein Luxus der besonderen Art, als Zeitungsleser den Fotografien von Barbara Klemm zu begegnen. Jahrzehntelang prägten ihre noblen Schwarzweißaufnahmen den Auftritt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: Fotokunst im journalistischen Tagesgeschäft. Neben ihren kanonischen Bildern von Leonid Breschnew bei Willy Brandt 1973 oder von Helmut Kohl vor den jubelnden Bürgern Dresdens 1989 entstanden unzählige Aufnahmen von Menschen in weitaus alltäglicheren Situationen: russische Kolchosbäuerinnen während der Erntepause; ermüdete, nachdenkliche, glückliche Besucher vor den Kunstwerken im Pariser Centre Pompidou oder in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Diese Fotos zeichnet eine wohlkomponierte Beiläufigkeit aus, die aus flüchtigen Beobachtungen Bilder von bleibender Gültigkeit macht. Zwei ihrer anrührendsten Fotos machte Barbara Klemm 1968 von ihrem Vater, dem Maler und Zeichner Fritz Klemm.

Arbeiten von Vater und Tochter sind nun in einer wunderbaren Doppelausstellung im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vereint. Kongenial in den rohbaurauen Räumen des Dresdner Residenzschlosses präsentiert, steht dort weit mehr als eine rein genetische Verwandtschaftsbeziehung zur Diskussion. Grafisch-abstrakter Bildaufbau, raffinierte Kontraste, tiefgründige Oberflächen und die Vorliebe für architektonische Elemente zeichnen die Fotos von Barbara Klemm ebenso aus wie die Gemälde, Zeichnungen und Collagen ihres an der Karlsruher Akademie lehrenden, 1990 hochbetagt gestorbenen Vaters.

Der bis heute als Künstler unterschätzte Fritz Klemm entwickelte sein Werk seit den sechziger Jahren konsequent: zwischen Bildräumlichkeit und Abstraktion, Ordnung und Freiheit, Schönheit und Askese. Lakonisch hat sich Fritz Klemm vom Abbild gelöst – zuerst in seinen mit Caparol-Farben (einem synthetischen Bindemittel aus dem Baumarkt) zu spröden Reliefs geschichteten Gemälden, später in fast monochrom weißen oder schwarzen Collagen. Zum Bildanstoß wurde, was er täglich sah: Wände und Fenster des Ateliers, die Silhouette des eigenen Spiegelbildes, ein Stück Wald vorm Fenster. Klemms vom Zen-Buddhismus beeinflusste Weltsicht ließ ein Werk von beeindruckender Disziplin reifen.

Eine Disziplin, von der sich die Tochter zugleich anziehen lässt und distanziert. Wie in der Fotoserie von Roden Crater, Arizona ersichtlich. Dort entstehen nach Plänen des Land-Art-Künstlers James Turrell unterirdische Räume von sakraler Wucht. Barbara Klemm hat sie fotografierend auf ihren Ursprung zurückgeführt: Licht und Schatten. In Dresden ausgestellt sind auch Fotos von „normalen“ Museen und ihren Besuchern: mal erhaben, mal banal. Und ihre großartigen Künstlerporträts. Eine Republik der Wahlverwandten, von Louise Bourgeois bis Jonathan Meese – und die Klemms mittendrin.

Residenzschloss Dresden, bis 21. Mai, Katalog (Deutscher Kunstverlag) im Museum 14,90 €, im Buchhandel 19,90 €.

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