Salieri : Mozarts trauriger Schatten

Die Sängerin Cecilia Bartoli möchte den Komponisten Antonio Salieri rehabilitieren – und widmet ihm ihr Konzert in der Berliner Philharmonie

Ulrich Amling

Machen Sie zu Hause doch mal diesen kleinen Test: Legen Sie Mozarts Requiem in ihren CD-Player, setzen Sie sich aufs Sofa, und schließen Sie die Augen. Wen sehen Sie mit den ersten Takten der Musik durch das neblige Wien schleichen, den Mantelkragen hochgeschlagen, ein dunkler Schatten auf der Häuserwand? Genau, Antonio Salieri, den Konkurrenten, den Neider, den Mozart-Mörder. Den bekanntesten unbekannten Komponisten der Welt. Und das wäre er sicher auch geblieben: Auf ewig schicksalhaft verstrickt mit dem Genie, ewig die stumme Negativform zum begnadeten Amadeus, in Filmen und Theaterstücken verbittert klagend, dass es keine Gerechtigkeit gibt, im Himmel wie auf Erden. Und niemand hört ihn, hört Salieris Musik.

Doch dann kam sie: Cecilia Bartoli, die unwiderstehliche römische Mezzosopranistin, deren vergangene Plattenaufnahmen allesamt ein heute unbekanntes Repertoire präsentieren. Ihr Album mit Arien aus Vivaldis bis dato in Vergessenheit schlummerndem Opernschaffen verkaufte sich 600000 mal, ihre Auswahl aus Glucks bisher in Archiven träumenden italienischen Arien 500000 mal. Verkaufsrekorde mit barocken Erstaufnahmen – ein Ereignis so einmalig wie die Interpretin selbst.

Es gibt wohl keine Sängerin, die ihren frühen Ruhm so intelligent investiert hat wie Cecilia Bartoli. Als jugendlich-temperamentvolle, hochvirtuose Rossini-Sängerin zum Klassikhimmel empor gestürmt, verlegte sie ihre Leidenschaft dorthin, wohin ihr so schnell niemand würde folgen können. Sie schuf sich ein konkurrenzloses Repertoire und hauchte vergilbten Manuskripten neues Leben ein. Es folgten glückselige Wiederauferstehungen, Hingabe, Taumel, Furor.

Aber wer ist nun dieser Salieri, dem die Bartoli ihre aktuelle Platte komplett gewidmet hat, mit dem sie monatelang durch die Welt reist und soeben in der Philharmonie umjubelt Station machte. Kein Mörder, kein von der Welt Verachteter, sondern ein höchst erfolgreicher Komponist und Musikdiplomat, der über Jahrzehnte das musikalische Leben Wiens prägte. Noch nicht einmal Neid lässt sich dem früh verwaisten Lehrer von Beethoven, Schubert und Liszt nachsagen. Bartolis Salieri-Album fegt durch die internationalen CD-Charts – und reißt dem Komponisten den letzten Mythen-Schleier vom Haupt. Schon ist ein Salieri-Film mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle geplant, und die Bartoli singt dazu. Salieri Superstar! Doch reicht das, was man da zu hören bekommt? „Ich arbeite hart für Antonio!“, bekundet Cecilia Bartoli lächelnd und stützt die Arme angriffslustig in die Hüfte. Vor dem Charme ihrer Attacke sinken sie hin, die effektgeladenen Werke der Alten Musik. Gerade einen Monat ist es her, da sie unter Simon Rattle als von Göttern und Schicksal bedrängte Berenice trotzig und in Tränen ihr Antlitz zurückeroberte – und in der Philharmonie leuchtete. Damals hießen die Komponisten Haydn und Gluck, heute also Salieri. Für ihre Tournee hat Cecilia Bartoli das Freiburger Barockorchester zum Begleitensemble gewählt, das sofort den Ehrgeiz spüren ließ, mitzuhalten mit den Energieschüben der Sängerin. Konzertmeisterin Petra Müllejans hatte zwischen sich und den Stuhl eine Art Sprungkissen geschoben und animierte rhythmisch hochschnellend ihre Kollegen zu beherztem Zupacken. Auch im Orchester wollte man hart arbeiten für Antonio.

Leider zahlt der das furiose Engagement nicht mit voller Münze zurück. Wahrscheinlich würde er es gerne, doch so wie Salieri in die Musikgeschichte ragt, am Übergang und Untergang prägender Stile, klingen die einen Komponisten aufregender, andere origineller. Das fällt gerade in den Ouvertüren auf, die, trotz ihrer geschmackvollen Kombinatorik, emotional nicht ins Freie kommen. Gefangen wirkt diese Musik, wie in einem angenehm möblierten Zimmer, mit aufgeschüttelten Kissen, aber ohne Aussicht. Das ist keine Bleibe für Cecilia Bartoli, für ihre Rastlosigkeit, ihre Neugier. Da eckt sie an, stößt an kalten Marmor und raues Holz, zuckt zurück. Hört man das Salieri-Album zum ersten Mal, scheint es, als leide die Bartoli unter einem akuten Anfall von Stubenkoller. Ihre gestalterische Fantasie will das Kabinett des Komponisten überwinden, das große Drama finden und mit dem Publikum teilen: die Liebe oder den Tod.

Waren ihre Auftritte schon immer emotionale Achterbahnfahrten, so ist das Salieri-Projekt eine Art seelischer Dauer-Looping. Cecilia Bartoli nutzt all ihre Wunderkräfte, das Hauchen und Fauchen, ihre schwebende mezza voce, die Schnelligkeit ihrer Kolloraturen. Sie kombiniert immer raffinierter, türmt die Effekte Schwindel erregend übereinander – und entfernt sich in bestem Reanimationsbestreben immer mehr von der entwaffnenden Einfachheit, die ihre arie antiche einst so berührend machten. Mit ihrer Sicht auf Salieri hat die Bartoli ein hoch artistisches Kunstwerk geschaffen, das droht, die herausragende Darstellerin von musikalischen Emotionen zu hemmen. Trotz der berückend tagträumerischen Rinaldo-Szene aus Salieris „Armida“: Die ganze herrliche Freiheit von Cecilia Bartolis Gabe enthüllte erst die zart strömende Zugabe „Di questa cetra in seno“. Die war von Gluck. Und die harte Arbeit für Antonio vorüber.

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