Kultur : Salome oder die Spice Girls?

JÖRG UTHMANN

Als der britische Kulturminister Chris Smith im Mai 1997 sein Amt antrat, hieß er noch "Minister (secretary) des nationalen Erbes".Inzwischen nennt er sich "Minister für Kultur, Medien und Sport".Das klingt pfiffiger und zukunftsträchtiger.Ob der neue Name auch für etwas Neues steht, ob dieses Neue auch das Gute ist: darüber wird in Großbritannien derzeit heftig gestritten.

Daß sich der britische Staat überhaupt mit der Kultur einließ, war ein Nebenergebnis des Zweiten Welkriegs.Vorher war die Kultur Sache reicher Mäzene gewesen.Thomas Beecham konnte es sich leisten, ein Orchester nach dem andern zu gründen, weil sein Vater mit Verdauungspillen ein Vermögen verdient hatte.(Spötter nannten eins der von ihm gegründeten Orchester "London Philharmonic".) Die Tate Gallery wurde vor 100 Jahren vom Kronprinzen eingeweiht, dem späteren Eduard VII.Aber für den Bau und die Grundausstattung gezahlt hatte ein Privatmann - Henry Tate, der Erfinder des Würfelzuckers.1934 rang sich das Foreign Office immerhin dazu durch, eine Dachorganisation für die britischen Kulturinstitute im Ausland zu gründen, den British Council.Im Zweiten Weltkrieg ging die Regierung einen Schritt weiter.Sie finanzierte einen Fonds, der Musiker und bildende Künstler ermuntern sollte, zur moralischen Aufrüstung der Zivilbevölkerung beizutragen: ein bescheidener Versuch, den gewaltigen Anstrengungen des Reichspropagandaministeriums etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.Aber er hatte Bestand.Als nach dem Kriegsende die Labour Party ans Ruder kam, behielt sie den Fonds nicht nur bei, sondern stockte ihn erheblich auf.Der Arts Council war geboren.

Über die Aufgaben der staatlichen Kulturförderung entbrannte sofort ein Grundsatzstreit.Die Häupter der beiden streitenden Parteien waren John Christie, der Gründer der Festspiele von Glyndebourne, und der Nationalökonom Maynard Keynes.Christie plädierte dafür, nicht allzu strenge Maßstäbe anzulegen und vor allem die kulturelle Identität des Volkes, die man im Krieg verteidigt habe, auch im Frieden zu fördern.Keynes hingegen bestand darauf, daß nur das Beste förderungswürdig sei.Damals setzte sich Keynes durch.Er wurde der erste Präsident des Arts Council.Doch der Grundsatzstreit ist bis heute nicht beigelegt.Da der Arts Council niemals eine Totalsubventionierung nach deutschem oder französischem Muster anstrebte, hielt sich die Bedeutung dieser Grundsatzfrage allerdings in Grenzen.British Museum und National Gallery beziehen nur die Hälfte ihrer Budgets aus öffentlichen Mitteln, die Königliche Oper 27 Prozent, die Tate Gallery gar nur 24 Prozent.Die Theater des Londoner West End sind - nicht anders als die Theater am New Yorker Broadway - zu 100 Prozent privat finanziert.

Anfang der neunziger Jahre gab die vielgeschmähte Regierung Major der Kulturpolitik zwei mächtige Anstöße.1992 wurde aus Abteilungen des Innen- und Handelsministeriums und anderer Ressorts ein "Department of National Heritage" gebildet.Damit erhielt die Kulturpolitik zum erstenmal nicht nur einen eigenen Etat - rund eine Milliarde Pfund (3 Milliarden DM) -, sondern auch Kabinettsrang.Im Jahr darauf beendete der Lottery Act den puritanischen Bann der Lotterie, der 170 Jahre lang gedauert hatte.Nicht einmal in den beiden Weltkriegen hatte sich das Unterhaus dazu durchringen können, den Bann zugunsten der Kriegsanstrengungen zu lockern.Bedingung für die Zulassung der - privat betriebenen - Lotterie war allerdings, daß 28 Prozent der Einnahmen guten Zwecken zufließen.Die Rechnung ging glänzend auf."Mehr als 90 Prozent der über 16jährigen", jubiliert der Jahresbericht des Kulturministeriums, "haben seit Beginn der Lotterie im November 1994 ein Los gekauft.Bis zum 31.Dezember 1997 wurden mehr als 4,7 Milliarden Pfund (fast 15 Milliarden DM) an die fünf guten Zwecke - Kunst, Sport, Denkmalschutz, Wohltätigkeit und Vorhaben für das Jahr 2000 - abgeführt, insgesamt über 28 000 Projekte." Einige der größten Projekte sind die Rekonstruktion des Globe Theatre, für das Shakespeare die meisten seiner Stücke schrieb, die Renovierung der Königlichen Oper und der Umbau des Bankside-Kraftwerks an der Themse zur New Tate Gallery.Im Globe Theatre wird schon gespielt; die Oper und die New Tate Gallery sollen im Jahr 2000 bezugsfertig sein.

Nicht jedermann ist über den Geldregen glücklich.Manche kritisieren die hohen Gewinne, die die Betreiber der Lotterie einstreichen.Andere wollten nicht einsehen, daß die Vergnügungen der Reichen aus dem Spieltrieb der Armen oder gar aus Steuermitteln finanziert werden.Das Klassenbewußtsein in Großbritannien ist noch erstaunlich stark, nicht zuletzt bei der Labour Party.Kulturminister Smith ist zwar ein gebildeter Mann, aber er hat Mühe, sich bei seinen Genossen durchzusetzen.Auf seinen Premierminister kann er nur bedingt zählen.Tony Blair interessiert sich mehr für die Spice Girls als für Salome und Elektra.Smith muß daher einen vorsichtigen Kurs steuern.In "Creative Britain", einem schmalen Buch, das er im Mai veröffentlichte, rückt er Film und Fernsehen, Sport und Tourismus und die Arbeitsplätze in den Vordergrund, die die "Kulturindustrie" schafft.Sein literarischer Versuch brachte ihm höhnische Kommentare der Konservativen ein, die ihm vorwarfen, sich bei der Masse lieb Kind machen zu wollen und darüber die Kronjuwelen der Nation zu verschleudern.In der Tat zeigt der Beschluß der Königlichen Oper, im nächsten Jahr nicht zu spielen, wie prekär die Lage ist.Aber auch das zweite Londoner Opernhaus, die English National Opera, und die Royal Shakespeare Company stecken tief in roten Zahlen.Es ist der alte Streit zwischen Keynes und Christie, zwischen den Freunden der Hochkultur und den Promotoren der kulturellen Breitenwirkung zu ermäßigten Standards, der hier wieder aufbricht.Solange genug Geld da ist, kann Smith beide bedienen.Wenn nicht, muß er Farbe bekennen.

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