Kultur : "Saltwater": Frauen sind doch die starken Charaktere

Julian Hanich

Die See wogt rau, und Sand pfeift über den verlassenen Strand. Ansonsten gibt es wenig Bewegung in dem irischen Küstendorf. Die Saison ist vorbei, der Fish-and-Chips-Laden der Familie Beneventi meistens leer. Mühsam schleppt sich die Zeit dahin. Aber in jener Woche, in der wir Zuschauer zu Gast in dem Städtchen sind, passiert dann doch eine ganze Menge. Frank Beneventi (Peter McDonald) zieht einen erbärmlichen Raubüberfall durch. Ein Mädchen wird vergewaltigt. Ein deutscher Sprachphilosoph namens Königsburg wird als Starredner im Audimax bejubelt. Und dann gibt es da noch diesen Vorfall, bei dem der sturzbesoffene Uni-Dozent Ray (Conor Mullen) buchstäblich seine Studenten ankotzt. Bisher hatten die Spei-Szenen in "Der Exorzist" immer als der Gipfel des Ekels gegolten.

Das alles ist von Conor McPherson, einem mehrfach ausgezeichneten Dramatiker, in seinem Filmdebüt routiniert in Szene gesetzt. Die Schauspieler sind gut; mit den Irland-Klischees im Stil von "Lang lebe Ned Devine" wird eher sparsam umgegangen. Aber weil das Ganze sehr episodenhaft erzählt ist, weiß man nicht so recht, was uns der Film sagen will. Ein Thema? Immerhin sind da die schmallippigen Männer, die ihren Mund nicht aufmachen - weshalb es kein Zufall sein kann, dass der deutsche Philosoph ausgerechnet über den Tod der Sprache referiert. Der alte George Beneventi (Brian Cox) kuscht vor dem schmierigen Wettbüro-Leiter. Sein jüngster Sohn Joe (Laurence Kinlan) beobachtet und verschweigt die Vergewaltigung. Und Ray hält seine Affäre mit einer Studentin geheim und weiß nicht, wie er sie beenden soll. So werden die Frauen - die in diesem Film nur am Rand stehen oder wie Beneventis tote Mutter eine Leerstelle markieren - unter der Hand zu den eigentlich starken Charakteren.

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