Salzburger Festspiele : Ich bin der Dude!

Irina Brook inszeniert Ibsens „Peer Gynt“ auf der Pernerinsel als Aufstieg und Fall eines Rockstars.

Christina Kaindl-Hönig
Im Irrenhaus. Ingvar E. Sigurdsson stolpert als Peer Gynt durch die Clubszene. Foto: dpa
Im Irrenhaus. Ingvar E. Sigurdsson stolpert als Peer Gynt durch die Clubszene. Foto: dpaFoto: dpa

Der Raum ist fast leer. Nur, ein weißer quadratischer Teppich vor einer kalkgetünchten Ziegelmauer markiert die Spielfläche. Zwei Schauspieler betreten die Szene. In dieser schlichten Grundkonstellation findet sich das offene Geheimnis eines Theaters, wie es der britische Theaterreformer Peter Brook in seinem 1968 erschienenen Buch „The Empty Space“ beschwört: im Zauber der Imagination.

Die Kraft der Fantasie ist es, die auch Henrik Ibsens norwegischen Lügenbaron Peer Gynt, diesen zynischen Bösewicht und halbherzigen Ich-Sucher antreibt, ehe der Weltenbummler in den Armen seiner Geliebten Solveig endlich Ruhe findet: Sacht streicht das junge Mädchen dem Ermatteten übers Haar, während Schneeflocken auf die Szene rieseln (Bühne: Noëlle Ginefri). So beginnt und endet Irina Brooks Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt“ in der alten Saline auf der Halleiner Pernerinsel wie eine Verneigung vor dem Geist ihres Vaters und ihrer Lehrerin Ariane Mnouchkine. Beide waren bei den Salzburger Festspielen als Theatermacher noch nie zu erleben.

„Ich werde ein Star sein!“, lässt Irina Brook ihren Protagonisten ausrufen. Es ist das Credo des jungen Rebellen, ein „Sackarsch“, wie seine Mutter ihn nennt. Und es ist das zentrale Motiv in der englischsprachigen Neuinszenierung der 48-jährigen Schauspielerin und Regisseurin. Mit ihrer 14-köpfigen Compagnie, einem internationalen Ensemble aus Schauspielern, Tänzern und Musikern, zimmert sie aus der Irrfahrt von Ibsens Antiheld kurzerhand ein Rockmusical über Aufstieg und Fall eines versoffenen Rockstars. Applaus brandet auf, ohrenbetäubend setzt das Schlagzeug ein, ehe „P.G.“ in bunt rotierendem Scheinwerferlicht die Bühne seiner Band „The Trolls“ betritt. In eng anliegenden Goldglitzerhosen schmettert er „I’m the dude!“ ins Mikro, wirft sich auf die Knie und rollt wild mit den Augen. Als schlaksiges Mick-Jagger-Imitat gibt er wenig später eine Pressekonferenz, lümmelt sich mit nacktem Oberkörper und Wodka-Flasche auf einem Tigerfellsofa: „To be yourself“ ist die lallende Antwort auf die Frage nach seinem Antrieb.

In einer oberflächlich bebildernden Nummernrevue aus Showacts mit Gospel-, Pop- und Countrysongs und Circusclownerien stolpert Ingvar E. Sigurdssons Peer auf der Suche nach Liebe und Abenteuern mittels bewusstseinserweiternder Drogen durch die Clubszene der 70er Jahre, zu der das Reich der norwegischen Trolle mutiert ist. Als gealterter Star wird er in einem Wild-West-Saloon von einer Barsängerin (Ibsens arabische Häuptlingstochter Anitra) bestohlen und landet schließlich in einer Art Ashram: das Hindu-Seminar als Irrenhaus. Feenhaft weiß gewandet (Kostüme: Magali Castellan), durchschreitet Shantala Shivalingappas Solveig die Szenen, um ihren Peer am Ende in die Arme zu schließen.

Besticht Ibsens „dramatisches Gedicht“ von 1867 durch seine inhaltliche Komplexität, durch detailreiche Charakterzeichnung und Stilistik, so verkürzt Brook das märchenhafte Entwicklungsdrama in modisch aufgepeppten Alltagsdialogen zu einem drögen Starreport aus der Boulevardpresse. Zwei exklusive Songs der Rockikone Iggy Pop und zwölf Gedichte des Dramatikers und Pulitzer-Preisträgers Sam Shepard steuern Pathos bei.

Zudem sind die Gesten bis zur Groteske groß ausgestellt; das manierierte Sprechen verkleinert Ruhmsucht und Verzweiflung des Protagonisten zur bloßen Attitüde. So verkümmert Ibsens tragischer Held schnell zum bemitleidenswerten Versager, bar aller lebendiger Widersprüche, bar aller Entwicklung. Holzschnittartig bleiben die Figuren eines spielfreudigen Ensembles, in einer handwerklich ungeschliffenen Inszenierung vor William Blakes romantischem Gemälde „Glad Day“: Farbenfroh überstrahlt eine Art Christusfigur als Fresko auf der Bühnenrückwand mit weit ausgebreiteten Armen das Finale. Nach dreieinhalb Stunden die Erlösung von einer Leere, die nichts mit dem leeren Raum gemein hat, wie Peter Brook ihn einst imaginierte. Christina Kaindl-Hönig

0 Kommentare

Neuester Kommentar