Kultur : Salzburger Festspiele: Leiden am Happy End

Sybill Mahlke

Das Happy End ist traurig und utopisch zugleich: Vier Menschen haben erfahren, dass es für ihre Liebe keine Sicherheit gibt. Die Komödie "Cosi fan tutte" kann nicht anders als fatal ausgehen. In der Salzburger Inszenierung von Hans Neuenfels ist zu sehen, wie die Herzen sich selber nicht mehr verstehen, nachdem der Menschenversuch des alten Philosophen Don Alfonso geglückt ist: Treue kann keine verlässliche Größe sein. Die Wette hat er gewonnen. Im Augenblick des Neu-Sehens, meint der Regisseur, könnte die Bemühung der Liebe anfangen. Das wäre die Utopie: Mit der Unsicherheit zu leben, mit veränderter Anstrengung um die Liebe. Aber die Konvention siegt und geht in Enttäuschung über. Leiden am Happy End.

Um ihre Reise durch den Garten der Gefühle sind die beiden Brautpaare nicht zu beneiden. Denn mit seinem Bühnenbildner Reinhard von der Thannen führt Neuenfels sie in ein Land, wo betörende Blumen giftig sind, Vögel im Käfig sterben, Höllenhunde krepieren, Fliegenpilze mit fleischigen Gockelvögeln tanzen. Eine surrealistische Welt, die sich Neuenfels in Erinnerung an seinen Meister Max Ernst bewahrt hat. Viele Selbstzitate des Regisseurs wie vor allem das des stummen Boten, der sich zauberhaft devot in die Handlung einmischt, machen das Flair der Inszenierung aus.

"Wo die Liebe aufhört, beginnt das Spiel, die Maskerade": Wie zwei heilige Sebastiane, die weiß schimmernden Oberkörper mit Liebespfeilen durchbohrt, nehmen die Verlobten Abschied von ihren Bräuten, um zum Schein in den Krieg zu ziehen. Während der Chor vom schönen Soldatenleben singt, hält der Soldat im Kollektiv schon seine Soldatenwitwe an der Hand, schwarze Schleier neben schmucker Ausgeh-Uniform. So mischen sich Vision und Wirklichkeit in der Wiederaufnahme der Produktion aus dem letzten Sommer.

Eine jugendliche Interpretation, in der die vier Versuchsmenschen in ihren hellen Fechtanzügen einander zum sprichwörtlichen Verwechseln ähnlich sehen. Da das Konzept steht, ist es Neuenfels nicht schwer gefallen, die Neulinge der Besetzung einzuführen: Catherine Naglestad als Fiordiligi setzt zögerlich an, um groß zu gewinnen, indem sie darstellt, wie aus der Treuesten die Treuloseste wird: Ihr fehlt die Leichtigkeit der Liebe, und der Ernst blüht auf in einem umfassenden Legato, das den Riesenintervallen der Arien menschliches Maß gibt. Der zweite Neuling ist Natale de Carolis, als Sänger des Guglielmo ein schmeichelnder, dabei kraftvoller Bariton, in seiner führenden Natur bestätigt, wenn er mit seiner dramatischen Starpartnerin Vesselina Kasarova in der Dorabella-Partie das Herzensduett anstimmt. Als Strippenzieher machen wiederum Maria Bayos Despina und Franz Hawlatas Don Alfonso Effekt. Lothar Zagrosek, der Wunschdirigent des Regisseurs, dient am Pult der Wiener Philharmoniker diesmal eher dem Laborcharakter des Drama giocoso als ihrem Zauber: Dafür stehen die korrekten Achtelgirlanden der Holzbläser in der Ouvertüre. Ein klarer, diskreter Mozartton herrscht vor und wird gegen kleine Unebenheiten verteidigt.

Dass Rainer Trost als Ferrando den tenoralen Schmelz seiner gesanglichen Frühform wiedergefunden hat, verleiht dem zweiten Akt besondere musikalische Eindringlichkeit. Eiszapfen in Bühnenhöhe umgeben hier Fiordiligi, die sich immer noch wehrt, ihrem Gefühl nachzugeben.

Voneinander überwältigt ziehen beide schließlich in einer Unbedingtheit gleich, die dem Zuschauer ans Herz geht: In der Hand den leichten Degen, kämpfen sie gegen imaginäre scharfe Waffen, um die innere Wahrheit ihrer Liebe zu verteidigen. Dann wird geheiratet nach der ursprünglichen Konstellation: Fiordiligi mit Guglielmo, Dorabella mit Ferrando. Der Traum ist aus. Die Reise ins Ungewisse aber geht weiter.

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