Salzburger Festspiele : Mittagshitze in kühlen Gärten

Luftsprünge, Blutbäder und der Scheiterhaufen einer Liebe: Die Künstlerin Rebecca Horn inszeniert Sciarrinos Erfolgsstück "Luci mie traditrici" - als Andenken an den kürzlich verstorbenen Regiemeister Klaus Michael Grüber.

Christine Lemke-Matwey
Rebecca Horn inszeniert in Salzburg
Irrwitzige Konzentration. Anna Radziejewska als Herzogin und Otto Katzameier als Herzog vor einem Gemälde von Rebecca Horn. -Foto: AFP

Die Katharsis dauert zweimal dreißig Minuten, eine knappe Stunde zusammen für Akt eins und Akt zwei. Dann ist der fremde Gast und Liebhaber tot, gemeuchelt im sündigen Himmelbett; dann stirbt auch la Malaspina, die treulose Herzogin, ein rotes Mieder kommt zum Vorschein, als der Herzog, il Malaspina, ihr in seinem Furor das Kleid zerreißt ("Dieser Dorn ist Eurer, ich will Euch stechen."); und dann, an diesem archetypischen Ende, fühlt man sich endlich selbst wie entschlackt, gereinigt, gesäubert und wieder frei.

Salvatore Sciarrinos Erfolgsstück "Luci mie traditrici" ("Die tödliche Blume" oder, wörtlicher übersetzt, "Mein trügerisches Augenlicht"), uraufgeführt 1998 in Schwetzingen, macht in gewisser Weise wieder gut, was die Salzburger Festspielpremieren von Verdis "Otello" und Gounods "Roméo et Juliette" am vergangenen Wochenende angerichtet haben an Enttäuschung, an Verstörung (Tsp. vom 3. und 4. August). Zeitgenossenschaft versus Tradition, das Neue gegen das Alte, die sengende Macht der Stille gegen die Magie der viel zu schönen Melodie, Oper gegen Musiktheater? So ungerecht es erscheinen mag, die Repertoires, Ästhetiken und Interpreten gegeneinander in Stellung zu bringen, so klar schärft sich hier doch der Blick.

In memoriam Klaus Michael Grüber

Demnach braucht es weder Ausstattungspomp noch handlungsreisende Stars, um sinnlich denken zu lernen, denkend zu empfinden. Die barocke Kollegienkirche gegenüber den Festspielhäusern genügt - und eine simple Versuchsanordnung: Auf der Bühne zwei Stühle (deren Beine in blitzende Messerklingen münden), das besagte Himmelbett samt rotsamtenem Überwurf und ein Bild, eine Leinwand.

Ursprünglich sollte Klaus Michael Grüber hier inszenieren, jetzt tut es die Künstlerin Rebecca Horn und sorgt auch für Bühne und Kostüme, Andreas Fuchs macht das Licht, Dirk Schulz das Video. Das Ganze ist dem Andenken Grübers gewidmet, und man hat durchaus den Eindruck, dass sich der Regiemeister in der kochenden Kühle, der implodierenden Leidenschaftlichkeit dieser Aufführung gut aufgehoben gefühlt hätte.

Erotik ist die Kunst, die Dinge nicht zu sagen

"Luci mie traditrici" geht auf ein Drama von Giacinto Andrea Cicognini aus dem 17. Jahrhundert zurück und auf eine wahre Begebenheit, den Mord des Renaissance-Komponisten Gesualdo nämlich an seiner Frau Maria d'Avalos. Für diese archetypische Dreiecksgeschichte findet Salvatore Sciarrino atemberaubende, die Jahrhunderte gleichsam durchhörbar machende, sich vielfältig ineinander verschränkende und immer wieder: radikal sparsame Klänge. Die drei Intermezzi beispielsweise, die die Szenen trennen, wirken, als nähme man sie lediglich in einem Zerrspiegel, einem Tauchbild wahr. Alte Musik, von der Musikgeschichtsschreibung, von unserem trügerischen Gedächtnis bis zur Unkenntlichkeit verbeult.

Oder die Ekstase der beiden einander Verfallenden, die seit Wagner im "Tristan" kein Komponist mehr derart in ihrer Wortlosigkeit begriffen hat. Ein hoch artifizielles Stochern in Sprache hebt an, ein Stammeln, eine große Kapitulation. Und dazu ein Zwitschern und Zirpen und feines Irrlichtern und Weben im Orchester, wie man es nur von der Mittagshitze in kühlen südlichen Gärten her kennt. Erotik, sagt Sciarrino, ist die Kunst, die Dinge nicht zu sagen. Auf Beat Furrer und das sensible, wie auf Zehenspitzen musizierende Klangforum Wien kann er dabei zählen, und auch die Sänger agieren mit geradezu irrwitziger Konzentration: Anna Radziejewska als Herzogin, deren glutvoll bebender Mezzo nicht weiß, wie ihm geschieht, Otto Katzameier als sich selbst hörnender Herzog, Kai Wessel, der Gast, mit jungmännlich-zärtlichem Countertenor sowie Simon Jaunin als Diener und eigennütziger Überbringer schlechter Nachrichten, seinerseits in Liebe zur Herzogin entbrannt.

Der Scheiterhaufen einer Liebe

Zwei Bilder hat Rebecca Horn für diesen Abend ausgewählt, und ob im Video nun Rosenblätter darüber hinweghuschen, Pigmentpulver rieseln oder Blutstropfen rinnen - das Geschaute wird einem, gleichsam als Narbe auf der Netzhaut, lange bleiben. "Der Pfauen Traum im Schmerz" heißt das erste Bild, "Herzfieber" das zweite. Gemalte Windstöße, auf Leinwand verbrachte Flageolett- Töne, hinreißende Luftsprünge und doch die totale Vergänglichkeit, vanitas, und Herbst und lang Abgestorbenes. Das Grabtuch Jesu würde man sich gern so vorstellen. "Badet mich in Blut", ruft die Herzogin zum Schluss, und das Bild gehorcht und kippt ins Negativ. Was bleibt, sind glühende Kohlen, nachtschwarze Rosen. Der Scheiterhaufen einer Liebe, die nichts anderes duldet.


Infos zum Festival-Programm finden Sie unter www.salzburgerfestspiele.at

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