• Salzburger Osterfestspiele feiern ihr 50. Jubiläum: Wotan fängt noch mal von vorne an

Salzburger Osterfestspiele feiern ihr 50. Jubiläum : Wotan fängt noch mal von vorne an

Frei nach Karajan: Die Salzburger Osterfestspiele feiern ihr 50. Gründungsjubiläum mit Richard Wagners „Walküre“.

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Vor den Flammen des Schlachtfelds. Vitalij Kowaljow als Wotan.
Vor den Flammen des Schlachtfelds. Vitalij Kowaljow als Wotan.Foto: imago/Rudolf Gigler

1967 erleben die Hippies in Kalifornien ihren Summer of Love, bei einer Demonstration gegen den Schah-Besuch in Berlin wird Benno Ohnesorg erschossen, die Beatles veröffentlichen „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, in Kapstadt wird erstmals ein Herz transplantiert, die Bundesrepublik Deutschland führt das Farbfernsehen ein – und Herbert von Karajan gründet die Salzburger Osterfestspiele.

Ein Privatfestival, ganz alleine geleitet vom „Genius des Wirtschaftswunders“ (Adorno), der hier in Personalunion als Impresario, Dirigent und Regisseur wirkt. Gemacht für seine wohlhabenden Fans, die „auf der Heimreise vom Wintersport diese Tage hier mitnehmen“ sollen, wie der Maestro sagt. „Après-Ski“ für den Geldadel ätzt der „Spiegel“, doch die Kalkulation geht auf. Bis heute werden die Osterfestspiele von einem treuen Freundeskreis getragen, deren Mitglieder bereit sind, bis zu 490 Euro für ein Ticket zu bezahlen.

Zum Start setzt Karajan das größte Opus an, das die Musiktheatergeschichte zu bieten hat, Wagners „Ring des Nibelungen“, dazu holt er sich das weltweit beste Orchester ohne Opernerfahrung, nämlich seine Berliner Philharmoniker. Gleich die erste Premiere wird als stilprägendes Klangwunder gefeiert. Weshalb sich die Verantwortlichen für das 50. Gründungsjubiläum der Festspiele nun eine „Rekreation“ der 1967er „Walküre“ ausgedacht haben.

Homogenität und Durchsichtigkeit

Karajan revisited, allerdings ohne die Berliner Philharmoniker. Die nämlich haben Salzburg 2013 den Rücken gekehrt, nach 45 Jahren, um in Baden-Baden ihr eigenes, weniger elitäres Festival aufzuziehen. In der Mozart-Stadt, die ihr Nobeltourismus-Event im Frühling nicht missen wollte, rückte die Dresdner Staatskapelle nach, mit ihrem Generalmusikdirektor Christian Thielemann, der als 22-Jähriger bei Karajans Salzburger „Parsifal“ assistierte und den Dirigenten überhaupt „hemmungslos bewundert“, vor allem auch für die „Homogenität und Durchsichtigkeit seines Wagner-Klangs“.

Karajans Art, den Bayreuther Meister zu interpretieren, erschien vielen vor einem halben Jahrhundert als idealer Mittelweg zwischen dem Pathos der Vorkriegszeit und der kühlen Objektivität der Avantgarde. Im hoch gefahrenen Orchestergraben thronte der Maestro dabei sichtbar in der Mitte, wurde zum Dreh- und Angelpunkt des „symphonischen Musikdramas“, wie es Werner Oehlmann im Tagesspiegel formulierte, bei dem die feinsten Verästelungen des instrumentalen Gewebes nachvollziehbar werden, während die Bedeutung des Optischen zurücktritt, das Bühnengeschehen zum „offenen Auge der Partitur“ wird.

Hier beginnen die Probleme einer Wiederbelebung der legendären „Walküre“: Das magische Live-Erlebnis, die Aura Karajans lässt sich nicht zurückholen, seine rein zweckdienliche Personenführung wiederum taugt nicht mehr für die Sehgewohnheiten eines am Regietheater geschulten Publikums. Weshalb Thielemann und sein Geschäftsführender Intendant Peter Ruzicka auf die Idee der „Rekreation“ kamen. Nur die Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen wurden nachgebaut, das gigantische Wurzelwerk der Weltesche, unter dem sich Hunding seine Hütte eingerichtet hat, sowie eine elliptische Scheibe, die deutlich von der entrümpelten Bayreuther Bühne eines Wieland Wagner inspiriert ist. In diesem Setting sollte Vera Nemirova mit heutigen Mitteln inszenieren. Und tatsächlich ist statt der Exhumierung einer schönen Leich jetzt im Großen Festspielhaus etwas zu sehen, dem zwar der Markenname Karajan aufgepappt ist, bei dem es sich in Wahrheit aber um eine komplette Neuproduktion handelt.

Der Clou von Schneider-Siemssens Ausstattung waren vor 50 Jahren die Projektionen auf dem rückwärtigen Rundhorizont. Per Hand hatte er 100 Glasplatten bemalt, die, vor einer Linse platziert, die Illusion von waberndem Nebel, gleißenden Wirbeln und Wolkenballungen erzeugten. Wie ein Ausflug in ferne Galaxien und mythische Welten kam das damals den staunenden Besuchern vor, ein Vorgeschmack auf Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, die 1968 in die Kinos kam. Diese Oh- und Ah-Wirkung allerdings verpufft in der neuen „Walküre“ – weil die Effekte nun digital erzeugt werden, was sie kalt und leblos erscheinen lässt.

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