Kultur : Salzburger Pockerln

Wolfgang Murnbergers Krimi-Satire „Silentium“ – mit Josef Hader

kerstin Decker

Dies ist ein Film für die Liebhaber der etwas gröberen Pointen, wo die Bösen die immer noch Böseren sind. Insbesondere Erzbischöfe und Festspieldirektoren. Und man registriert an sich selbst ein sehr befremdliches Bedürfnis. Wäre es nicht an der Zeit, einmal die Erzbischöfe vor dem Generalverdacht der Päderastie in Schutz zu nehmen? Schon damit unsere Kinder nicht glauben, Bischof sei ein anderes Wort für Päderast? Und müssen eigentlich, nur weil Salzburg so schön ist, seine Repräsentanten so übel sein? Wirklich originell wäre inzwischen ein Salzburg-ist-schön-Film.

Denn dass auf dem Grunde der Idylle das Verbrechen wohnt, weiß heute jeder Hobbysoziologe. Wer an dieser Einsicht noch immer Freude hat, ist in „Silentium“ richtig. Wolfgang Haas macht daraus Krimis, Wolfgang Murnberger verfilmt sie, und Josef Hader spielt die Hauptrolle. Das war schon in „Komm, süßer Tod“ so. Als Österreicher bekommt man mildernde Umstände. Idyllen machen nun einmal aggressiv. Und dass auch Hader mit Gott vieles abzumachen hat, wissen wir aus seinen Soloprogrammen, und Nichtexistenz ist wirklich die mieseste aller Ausreden. Mit so etwas kommt Gott bei Hader nicht durch.

Nein, den Charme und die Tiefe des Solo-Haders – man denke nur an „Privat“ – hat „Silentium“ nicht: Hier trägt er vorzugsweise und arg grobpointig riesige Holzkreuze durch erzbischöfliche Gewölbe. Auch die wunderbare Morbidität des wohl noch immer schönsten Hader-Films – „Indien“, zusammen mit Andreas Dorfer – erreicht „Silentium“ nicht annähernd. Andererseits: Kaum einer spielt Verlierer so verloren wie Hader. Und das macht er auch hier.

Man kennt das: keine Arbeit, keine Wohnung, kein Geld, keine Frau. Das ist die Bilanz der über vierzigjährigen Existenz des Privatdetektivs Brenner. Dann verliert er auch noch seinen Job als Kaufhausdetektiv – weil er unvorsichtig genug war, einen Kaufhausdieb zu stellen. Genauer eine Diebin, die Tochter des Festspielpräsidenten. Ist das peinlich. Für Brenner. In Salzburg sollte man nie die Tochter des Festspielpräsidenten brüskieren, nur weil sie klaut. Immerhin findet Brenner durch sie einen neuen Job. Der Schwiegersohn des Festspielpräsidenten ist gerade vom Mönchsberg gesprungen, wo immer die Salzburger Selbstmörder runterspringen. Und auch die Nicht-Salzburger Selbstmörder, die extra wegen des Mönchsbergs lange Anreisen auf sich nehmen. Oder ist der Schwiegersohn des Festspielpräsidenten gar nicht selber gesprungen?

Brenner-Hader beschließt, den eigenen Gang auf den Mönchsberg noch etwas zu verschieben, im Dienste der Wahrheit. Bleibt die Frage, wie man ins Innere des Salzburger Bistums- und Festspielbetriebs gelangt. Verwahrlost genug sieht er aus, um sich in die Fürsorge des Sozial-Paters Fitz zu begeben. Joachim Król spielt diesen Präfekten mit aller Królschen Sanftheit, aller Królschen Milde – und wird eine Inkarnation religiöser Dämonie. Das Konkurrenzdämonen-Universum ist der Festspielbetrieb mit Udo Samel als Festspielpräsident und Schlingensief als Festspielregisseur.

Doch, doch, Murnberger hat sein „Silentium“ schon launig besetzt. Und wenn es keine Jede-Idylle-ist-schon-ein-Verbrechen-Filme mehr gäbe, wäre das schließlich auch irgendwie schade. Und unwahr sowieso.

In Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant, Kulturbrauerei, Neues Off

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben