Kultur : Salzsäureteppich

Daniel Völzke

Keine Skulptur duckt sich weg, kein Bild verkriecht sich in sich selbst. Im Gegenteil: Lockend farbig begrüßt schon am Eingang eine große Bodenarbeit der Berliner Künstlerin Dani Jakob den Besucher. Doch der Titel der Gruppenausstellung in der neuen Galerie Coma („Centre for Opinions in Music and Art“) spricht von „Schutz und Scham“ (bis 13. Januar, Leipziger Straße 36 / Charlottenstraße 24) . Gemeint sei laut Pressetext damit die Selbstbezüglichkeit der Arbeiten der neun hier ausstellenden Künstler. Die Werke reflektierten in besonderer Weise ihre Entstehungsbedingungen. Abgesehen davon, dass das für die meiste zeitgenössische Kunst gilt, begleiten einen diese Stichworte beim Betrachten der Arbeiten. Dani Jakobs Teppich aus Salzsäure und leuchtenden Pigmenten wirkt so in seiner um eine Raute geordneten Symmetrie regelrecht introvertiert. Mit dem Salz, das sich in den Boden der Galerie frisst, klammert sich das Kunstwerk an seinen Ausstellungsort. Beziehungsgeflechte hat der norwegische Künstler Torgeir Husevaag in seinen „Pokerzeichnungen“ dargestellt. Das Einsetzen, Erhöhen, Schieben oder Mitgehen der zehn Spieler einer Internetpartie übersetzt Husevaag in feine Linien, Kreise, Flächen. Eine Legende ordnet jedem Spielzug eine Visualisierung zu – bis ein Spiel ganz und gar topografisch erfasst ist. Das Hin und Her von Aktion und Reaktion, von Erwartung und Erwartungserwartung wird erahnbar. Wer möchte, erkennt in diesen Landkarten auch einen Kommentar auf den boomenden, unübersichtlich gewordenen Kunstmarkt. Doch auch ohne Hintergedanken sind die filigranen Zeichnungen schön anzuschauen. Sie ähneln den Niere-Leber-Milz-Bildern Hermann Nitschs, also buchstäblicher Innerlichkeit (12 500 Euro). Innenleben zeigt auch der Schweizer Künstler Martin Städeli mit seinen kniehohen, zerfledderten Gestalten aus vergilbtem Tagesspiegel -Papier, Pappmaché und Klopapierrollen. Entkernte Figuren, als hätte sie Gunther von Hagens präpariert (2000 Euro je Papierskulptur). Fast ikonografisch nähert sich die in London lebende Künstlerin Kerstin Kartscher mit ihrer Installation „Die Sabinerinnen“ dem Ausstellungstitel: Aus einer Markise baut sie eine flache, von Gittern umschlossene Unterkunft. Legt sich der Betrachter hinein, sieht er Zeichnungen von Heldinnen im Dschungel. Die Kunst wird mit dieser Installation zum Schutzschild, der Betrachter introvertiert.

Nur eine Kordel trennt Coma von der Galerie Thomas Schulte . Nach 15 Jahren in Charlottenburg ist der renommierte Händler, der Größen wie Katharina Sieverding oder Rebecca Horn vertritt, im letzten Sommer ins Tuteur-Haus des Architekten Hermann Muthesius gezogen. Betrachtet man die aktuell ausgestellten fünf großformatigen Gouachen der Berliner Künstlerin Iris Schomaker , hallen die Worte „Schutz“ und „Scham“ noch nach. Immer wieder bringt Schomaker eine Figur, Frau oder Mann, diagonal aufs Papier. Anämisch, ausdruckslos, außerirdisch schaut die Person den Betrachter an. Ist sie krank oder müde? Vielleicht liegt auch Schamlosigkeit in diesem Blick. Die Malereien, die von fern wie Zeichnungen wirken, zeigen auch verwischte Flächen und durchscheinende Linien, die auf Möglichkeiten und Zwischenreiche verweisen. Der 1973 geborenen Schomaker gelingt es, über ihre Bilder ein Geheimnis zu legen – indem sie nichts verbirgt (bis 13. Januar; 12 000 – 16 800 Euro).

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