Kultur : "Salzwasser": Hellmuth Karasek über Charles Simmons reizvollen Roman

Charles Simmons: "Salzwasser"[Roman. A. d. Amerik]

"Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank." Mit diesem Satz beginnt der 1998 publizierte Roman "Salzwasser" des amerikanischen Erzählers Charles Simmons (geboren 1924), und der Satz enthält alle Elemente, die diese wehmütig schöne Geschichte ausmachen: Die Rückschau aus über 30-jähriger Distanz; die erste Liebe des damals 16-jährigen Ich-Erzählers und den tragischen Tod des Vaters, der mit der Liebesgeschichte des Sohns zusammenhängt. "Salzwasser" ist, filmisch gesprochen, ein "Remake": ein Remake von Iwan Turgenjews Meistererzählung "Erste Liebe" von 1860. Obwohl sich Simmons fast sklavisch an den Plot seines Vorbilds hält, ist die moderne Variante von eigenständiger Kraft und einem gegenwartsnahen Reiz: Erzählt wird die Sommerliebe eines Schülers zu einer Zwanzigjährigen, die in Wahrheit ein Verhältnis mit seinem Vater beginnt; der Junge erfährt den Schmerz der Liebe vor der Liebe und verliert gleichzeitig seinen Vater auch durch seine und durch dessen Schuld, obwohl es sich um einen Bootsunfall handelt. Wie Simmons das Sommerleben der gutbügerlichen aufgeklärten Ostküstensociety zeichnet, wie er hinter der Fassade einer weltoffenen Familie und ihrer Feriengäste das lastende Unglück sichtbar macht, das sich in spielerischen Eifersüchteleien tarnt, das macht diesen Roman, der in seiner dramatischen Stringenz, in seiner Pointierung und im Knall-Effekt seiner tragischen Lösung eher als Novelle zu bezeichnen wäre, zu einer gelungenen Momentaufnahme einer scheinbar spannungsfreien Gesellschaft, die keine Sorgen kennt außer dem Unglück, das sie sich mit ihren heimlich genommenen Freiheiten selbst bereitet: Simmons versteht es, Situationen und Figuren mit wenigen Strichen äußerst plastisch zu zeichnen.

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