Sammler : Königreiche der Kunst

Berlin ist die Stadt der Sammler. Jetzt will der Senat am Humboldthafen ein Museum für die Kollektion eines Investors.

Nicola Kuhn
Bilbao
Köder Kunst. Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao -Foto: pa/dpa

Noch ist es ein Luftschloss des Berliner Senats. Doch wie jenes künftige Museum am nördlichen Ufer des Humboldthafens aussehen soll, das weiß der Berliner Liegenschaftsfonds als Vermarkter des exklusiven Immobilienareals bereits ganz genau: am liebsten so wie Frank Gehrys Guggenheim-Museum im nordspanischen Bilbao. In die Ausschreibung des Ende Juni beginnenden Wettbewerbs wurde zur Anregung ein Foto des kühn geschwungenen Baus mit der glänzenden Kupferhaut eingefügt.

Das spektakuläre Gebäude des amerikanischen Star-Architekten hat eine Industriebrache in ein Kultur-Mekka verwandelt. Der nicht weniger aufregende Inhalt des Hauses, die Kunst der Moderne, lockt seitdem Scharen von Besuchern an. Ein eigentlich abgeschriebenes Stück Land nahe dem ehemaligen Hafen wurde plötzlich zum Glückspfand für eine ganze Stadt. Bilbao, das gilt nicht länger als Synonym für politisch unwägbare Basken, sondern für die prosperierende Kraft neuer Museumsbauten.

Genauso ist es auch in Berlin gedacht. In einem gewagten Tauschgeschäft soll ein privater Investor Gebäude mit 60 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche bauen dürfen, wenn er der Stadt im Gegenzug ein Museum mit 10 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche hinstellt, auf denen er in den nächsten 20 Jahren seine Privatsammlung präsentieren kann. Diese Voraussetzungen scheinen alle auf den New Yorker Immobilienhändler Nicolas Berggruen zu verweisen, den Sohn des 2007 verstorbenen Sammlers Heinz Berggruen. Denn der will nach dem Vorbild des Vaters seine Kollektion mit Werken von Andy Warhol, Damien Hirst, Jeff Koons und Jean-Michel Basquiat in Berlin präsentieren, am liebsten in einem neuen, avantgardistischen Bau.

Berggruens Sprecherin in Berlin, Ute Kiehn, gibt sich sibyllinisch: Bis Jahresende werde sich Berggruen, der gerade mit dem US-Architekten Richard Meier einen Wohnturm in Tel Aviv baut, zwischen Mitte und Kreuzberg entscheiden. Der Humboldthafen sei jedoch attraktiv.

Schon jubelt die Kulturverwaltung über den Plan, und der Liegenschaftsfonds klopft sich für den eingefädelten Deal selbst auf die Schulter. Der Kunstcampus rund um den Hamburger Bahnhof mit den Rieckhallen, den Künstlerateliers, Galerien und der gerade eröffneten Halle am Wasser hätte dann noch mehr Gewicht.

Die Kuratoren des Hamburger Bahnhofs geben sich in ihrer Vorfreude auf den neuen Nachbarn auf der anderen Seite der Invalidenstraße jedoch eher verhalten. Dort ist man an einer Zusammenarbeit mit Nicolas Berggruen zwar interessiert, gehört der Sammlersohn mit seiner Mutter und den Geschwistern doch zu den wichtigsten Förderern des Charlottenburger Berggruen-Museums. Aber die immer größere Zahl an Sammler-Domizilen und komplett von Sammlern bestückten Museen in der Stadt wird von den Hütern des Museums für Gegenwart mit Argwohn verfolgt. Die Konkurrenz macht zu schaffen.

Berlin, das ist längst die Stadt der Sammler. Die Eröffnung des Bunkers von Christian Boros vor knapp zwei Monaten hat das furios verdeutlicht. Erst letzte Woche folgte Roman Maria Koidl mit seiner Kunsthalle in einem ehemaligen Charlottenburger Umspannwerk. Auch die Sammlungen von Erika Hoffmann und Axel Haubrok haben ihre eigenen Schauräume, die an den Wochenenden zugänglich sind. Thomas Olbricht und Wilhelm Schürmann folgen mit eigenen Gebäuden, und am Rosa-Luxemburg-Platz entsteht ein Wohnhaus, das für Sammler reserviert ist.

Jede dieser Kollektionen ist wie ein eigenes Königtum, das sich anders als die Museen nur bedingt um den Kanon der Kunstgeschichte schert. Die Konflikte sind vorprogrammiert, denn während ein öffentliches Haus dem Publikum gehört und sechs Tage die Woche offensteht, kann der Privatsammler seine Schätze jederzeit wieder wegschließen. Außerdem ist er geschmacklich niemandem Rechenschaft schuldig, was in den letzten Jahren bei Privatsammlungen in der Obhut öffentlicher Museen immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt hat.

Auch deshalb ist der Tausch von öffentlichem Land gegen den Bau eines Sammlermuseums mit Vorsicht zu genießen. Der Senat gibt Terrain aus der Hand, das sich in den letzten Jahren wie von selbst glücklich entwickelt hat: eine private Sammlerkultur, an der die Öffentlichkeit partizipieren kann. Es ist eher an der Zeit, dass sich der Senat wieder um die finanziell kurz gehaltenen Museen kümmert.

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