Kultur : Sammler von Gottes Gnaden

Michael Zajonz

Die Staatlichen Museen zu Berlin, dank reicher eigener Bestände die einzige Institution der Stadt, die kontinuierlich im internationalen Ausstellungszirkus mitspielen könnte, werden sich auf absehbare Zeit wohl nur noch eine Großausstellung pro Jahr leisten können. Kurzerhand erfand man den "Dialog der Museen", bei dem zumeist kleinere deutsche Institute eingeladen werden, ihre Glanzstücke auf Zeit im Kontext der Berliner Sammlungen zu präsentieren.

Vorreiter ist das nicht gerade durch Besucherandrang verwöhnte Kunstgewerbemuseum. Nach dem Xantener Stiftsmuseum St. Viktor ist nun am Kulturforum das ebenfalls auf mittelalterliche Sakralkunst spezialisierte Kölner Schnütgen-Museum zu Gast. "Sammelt die Überreste, damit sie nicht untergehen" lautet der Wahlspruch seines Stifters, des Kölner Domkapitulars Alexander Schnütgen (1843-1918). Der Geistliche, von Zeitgenossen als "Sammler von Gottes Gnaden" beschrieben, dehnte seinen Jagdeifer bis zu religiöser Volkskunst der Neuzeit aus.

Die 1910 als städtisches Museum institutionalisierte Sammlung hat diesen enzyklopädischen Charakter zugunsten einer Konzentration auf das einzelne Meisterwerk längst eingebüßt. Die Berliner Auswahl beschränkt sich folgerichtig auf 41 hochrangige Leihgaben aus dem Bereich mittelalterlicher Schatzkunst. Optisch diskret und thematisch perfekt wurden die Kölner Zimelien, die laut Kustos Lothar Lambacher genau so platziert sind, als "wenn sie uns gehören würden", mit dem Berliner Bestand rund um den Welfenschatz verschmolzen.

Die Bezüge einander zugeordneter Stücke sind dabei stilistischer, ikonografischer, materialtechnischer oder einfach typengeschichtlicher Natur, wie die Gegenüberstellung zweier in ihrer Grundform ähnlicher Bursenreliquiare zeigt. Langsame Zeiten: Das Kölner Exemplar eines in Form einer Geldbörse gestalteten Behälters stammt aus dem 13., das äußerst fein gearbeitete Berliner Depositorium aus dem 8. Jahrhundert. Zu den kostbarsten temporären Neuzugängen gehören figürliche Arbeiten aus Elfenbein, wie der nach 850 in Metz entstandene Kamm des hl. Heribert.

Als wissenschaftliche Sensation mag die Zusammenführung von fünf Relieftäfelchen aus Walrosszahn mit Szenen aus dem Leben Christi gelten, die um 1170 wohl für eine Altarverkleidung gefertigt wurden. Anrührend wird das Familientreffen der "Gestichelten Gruppe" durch das Schicksal zweier Berliner Tafeln, die 1945 durch den Brand im Flakbunker Friedrichshain beschädigt wurden und via Leningrad und Wiesbaden (dort befand sich ein amerikanischer collecting point) 1958 in die geteilte Stadt zurückkehrten. Für die Ausstellung erstmals aus dem Depot geholt, machen ihre geschwärzten Oberflächen überdeutlich, was derartige Werke zuvörderst brauchen: kontinuierliche Pflege im eigenen Haus.

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