Kultur : Sammlung Berggruen: Das Geschenk unter Dach und Fach

Bernhard Schulz

Unmittelbar vor Weihnachten hat Berlin sein Riesengeschenk erhalten. Gestern Abend übereignete der Sammler Heinz Berggruen seine Kollektion der klassischen Moderne per Vertrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Ausgleich von einer Viertelmilliarde Mark wiegt nicht mehr als einen Teil des Pflichterbes auf, das der bald 87-Jährige seinen Kindern vermachen wird. Zwei oder drei der singulären Objekte hätten genügt, um auf Auktionen den Betrag einzuspielen, der nun vom Bund sowie der Berliner Lottostiftung aufgebracht wird.

Wie unwichtig der Streit um Marktpreise sein kann, hat gerade die Sammlung Berggruen in den nur vier Jahren ihrer Berliner Präsenz gezeigt. Das intime Museum gegenüber Schloss Charlottenburg hat vom Tag seiner Eröffnung an die Kunstfreunde für sich eingenommen, zuallererst durch die kompromisslos erstrangige Qualität der gezeigten Werke. Das ist das Geschenk, das Heinz Berggruen der Stadt gemacht hatte und das mit dem gestern von Kanzler und Kulturstaatsminister gegengezeichneten Vertrag auf Dauer gesichert worden ist.

Das ist der andere Aspekt des seltenen Vorgangs: Der Staat, der Bund hat sich eingeschaltet, um das angebotene Geschenk über alle juristischen Hürden zu heben. Es beleuchtet den Zustand unserer Wohlstandsgesellschaft, dass ohne das Eingreifen des Staates auch mäzenatische Taten kaum mehr möglich sind. Das Spektrum, das von firmenbezogener Sponsorenschaft bis zum uneigennützigsten Geschenk reicht, ist weit; dass Berggruen an dessen besserem Ende angesiedelt ist, macht das Glück der Stunde aus. Die Regel ist das nicht. Vielfach erwägen Privatleute Schenkungen, erwarten - und fordern - aber Zusatzleistungen der öffentlichen Hand, die die Regeln der Verhältnismäßigkeit im Einzelfall durchaus strapazieren. Das Münchner Beispiel, wo ein Sammler von immerhin diskutabler Gegenwartskunst unlängst ein eigenes Museumsgebäude auf Staatskosten erstritt, warnt vor allzu bereitwilligem Entgegenkommen.

Im Falle der Sammlung Berggruen allerdings gilt das Gegenteil. Das Engagement des Bundes, das den gordischen Knoten der seit Jahren geführten Verhandlungen mit dem Sammler durchschlug, fand wegen der Einzigartigkeit des Angebotes ungeteilten Beifall. Daher schmerzt umso mehr, dass der Staat nach der anfänglichen Zusage zurücksteckte und sich, als die ursprüngliche Summe nicht sogleich aufzubringen war, mit einer kleineren Lösung beschied.

Die singulären Kunstwerke, die Berlin nun doch über kurz oder lang verlassen werden, standen nicht nur für sich selbst. Mit Paul Cézanne beginnt die moderne Kunst, und zugleich beginnt mit dem Erwerb erster Bilder des verlachten Franzosen die Glanzzeit der Berliner Museen an der Wende zum 20. Jahrhundert. Es ist erst in den vergangenen Jahren wieder ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, dass diese bahnbrechenden Erwerbungen sich wesentlich der Großherzigkeit jüdischer Mäzene verdanken. Berggruens Geste hat Berlin auch darum so bewegt, weil sie anknüpft an eine Epoche, derer sich Deutschland unter dem Nazi-Regime so schändlich entledigte. Allein schon darum wäre zu wünschen gewesen, die ausgestreckte Hand des Sammlers ganz zu ergreifen; ganz abgesehen davon, dass selbst der ursprüngliche Betrag nicht einmal die jährlichen Aufwendungen allein für die Bühnen Berlins überstiegen hätte.

Vielleicht muss Berlin erst wieder lernen, mit Mäzenen vom Format eines Simon, eines Arnhold oder Oppenheim umzugehen. Der private Stifter bedarf eines entsprechenden öffentlichen Umfeldes. Auch daran wird die Sammlung Berggruen künftig erinnern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben