Kultur : Sammlung Pietzsch: Ein Berliner Ehepaar präsentiert in Dresden seine Kollektion

Nicola Kuhn

Drogendealer würden sich wahrscheinlich bedanken, aber wenn Heiner Pietzsch seine Leidenschaft für die Kunst beschreibt, dann benutzt er drastische Vergleiche: "Sammeln ist wie eine Rauschgiftabhängigkeit - nur nicht so schädlich für die Gesundheit." Spurlos ist jedoch auch diese Sucht nicht an ihm vorüber gegangen. Seit 35 Jahren kauft das Berliner Unternehmerehepaar Ulla und Heiner Pietzsch Kunst, mit der sich die beiden privat umgeben, die sie aber auch immer wieder bereitwillig in Ausstellungen entleihen. Durch Hinweisschildchen auf die Leihgeber unter diversen Picassos, Pollocks, Mirós ahnten Außenstehende also schon länger, dass sich hier ein noch größerer Schatz verbergen würde. Aber erst jetzt kann die große Öffentlichkeit darüber Gewissheit gewinnen. In Dresden, der Geburtsstadt von Heiner Pietzsch, gibt das Sammlerpaar erstmals einen Überblick über seine Kollektion. Nachdem die dortigen Museumsleute über Jahre hinweg immer wieder vorstellig geworden waren, gaben sie beim Antrittsbesuch der neuen Dresdner Generaldirektorin Sybille Ebert-Schifferer endlich ihre Zusage.

Surreal ein Leben lang

Den Ausschlag für diese Entscheidung hatte die Erkenntnis eines anderen Berliner Sammlers gegeben: Heinz Berggruen. In seinen Lebenserinnerungen hatte er beschrieben, dass die erste öffentliche Präsentation seiner Werke in Genf für das Museum ein Flopp gewesen sei, weil das Publikum ausgeblieben war. Nicht aber für ihn, denn zum ersten Mal konnte er die Arbeiten dort im großen Zusammenhang sehen. Das Ehepaar Pietzsch bereitet sich also auch selbst ein Vergnügen, indem es im Dresdner Schloss mit etwa hundert Werken ein Drittel seines Kunstbesitzes ausbreitet. Doch anders als in Genf scheint die Freude darüber auch auf Seiten der Dresdner zu sein: Die Besucherzahlen sprechen für sich; in den Sälen herrscht Kommen und Gehen, und laut wird über die Bedeutung dieses Details bei Delvaux oder jene amouröse Beziehung Max Ernsts zu einer ausgestellten Künstlerin debattiert.

Den Beginn dieser in Deutschland einmaligen Sammlung, wie sie von der Gemäldegalerie Neuer Meister apostrophiert wird, aber markiert ein kleines, eher unspektakuläres Aquarell von Gerhard Altenbourg aus dem Jahre 1954 mit dem Titel "Die Schaukel". Mitte der sechziger Jahre hatte es Heiner Pietzsch, der keine kunsthistorischen Vorkenntnisse besaß und erstmals als Lehrjunge beim Verlegen von Elektroleitungen in der Sempergalerie mit der großen Kunst in Kontakt kam, in der Berliner Galerie Springer gekauft. Intuitiv hatte er damit das Herzstück seiner künftigen Kollektion erworben, denn die surrealistischen Anklänge in Altenbourgs Papierarbeit lassen sich in sämtlichen Werken wiederfinden - bis hin zu jenen Werken aus dem Umkreis der Surrealisten selbst.

Neben dieser zeitlichen Schwerpunktsetzung zeichnet sich die Sammlung vor allem durch ihre inhaltliche Vertiefung aus. Das Ehepaar Pietzsch hat sich immer auch mit den Schriften der Surrealisten beschäftigt, und so gelten ihm die ebenfalls in einer Vitrine ausgestellten zwölf Exemplare von André Bretons Zeitschrift "La Révolution surréaliste" als besondere Kostbarkeit. Solch geistige Durchdringung des Sammlungsgegenstandes scheint eher Seltenheit. Ulrich Bischoff, Direktor der Gemäldegalerie Neuer Meister, ist jedenfalls voller Anerkennung, dass hier jemand nicht nur geschmacklich, sondern auch fachkundig ausgewählt hat. Diese Kennerschaft habe die Hängung der Ausstellung zwar anstrengend, vor allem aber anregend gemacht, beschreibt er die Zeit der gemeinsamen Vorbereitung. Die hohe Qualität einzelner Stücke beweise eben auch den Spürsinn und die Hartnäckigkeit eines Wirtschaftsmannes. Pietzsch versteckt das in einer Anekdote: Als der Verein der Freunde der Nationalgalerie, deren Schatzmeister er lange Zeit war, ihn anlässlich der Max-Ernst-Ausstellung um eine Führung bat, wurde er anschließend voller Bewunderung gefragt, wie lange er sich denn auf den Vortrag vorbereitet habe. Seine Antwort lautete "Fünfundzwanzig Jahre".

Dieses Wissen ließ ihn auch aufmerken, als er vor zwölf Jahren in einer Dependance des New Yorker Whitney Museums die Ausstellung "Interpretive Link" mit Papierarbeiten aus den vierziger Jahren der sich gerade formierenden New York School besuchte. Die Verbindung zu seinem speziellen Sammlungsgebiet bildete sich von selbst, denn in dieser Zeit waren Pollock, Rothko, Reinhard oder Newman deutlich von den gerade aus Europa in die Vereinigten Staaten emigrierten Surrealisten inspiriert. Pietzsch konnte damals ein Drittel der Ausstellung erwerben und brachte damit eine kunsthistorisch höchst bedeutsame Gruppe in seinen Besitz. In Deutschland sucht sie ihresgleichen, denn in diesen Blättern lässt sich der Neubeginn der amerikanischen Kunst ablesen, der zugleich die Ablösung der Vorreiterrolle von Paris bedeutete. In Dresden ist dem Ensemble ein eigener Raum gewidmet, der gleichzeitig das Gelenkstück bildet zum letzten großen Saal mit den Surrealisten, den bekanntesten Arbeiten der Sammlung.

Mit klopfendem Herzen

Groß und mächtig steht das Paradestück mitten im Raum: die fünf erhalten gebliebenen Originalfragmente von "Capricorne" aus dem Jahre 1948, Max Ernsts wichtigstem skulpturalem Werk. Aus Zement, Autofedern und Draht hatte er für sich und seine Frau Dorothea Tanning an ihrem Wohnsitz in Arizona eine Schutzfigur geschaffen, die dem Künstlerpaar auch als Sitzgelegenheit diente. Die Figurengruppe wird gerahmt von einer großartigen Phalanx an Gemälden von Miró, Magritte, Dalí, Picasso und Calder. Ganz hinten, fast versteckt befindet sich eine weitere Skulptur von Max Ernst, eine kleine Bronze mit dem Titel "Junger Mann mit klopfendem Herzen". Dieses klopfende Herz haben sich Ulla und Heiner Pietzsch spürbar bewahrt. Eine 1999 entstandene Rollschuhfahrerin von Sigmar Polke zeugt von ihrer unverminderten Erwerbungslust. Das Opiat Kunst hat seine Wirkung bis heute nicht verloren.

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