Kultur : Samt und Samel

UWE FRIEDRICH

Die Dresdener Staatsoper hat einen guten Ruf zu verlieren.Die berühmte Staatskapelle pflegt ihren Samtklang mit dem "Glanz alten Goldes", und seit der Wende wurde konsequent ein gutes Sängerensemble besonders für Wagner- und Strauss-Opern aufgebaut.Für ein Haus mit so starken Traditionen im deutschen Repertoire sind italienische Opern durchaus heikel.Vor einigen Jahren gelang es Regisseur Peter Konwitschny und Dirigent Ingo Metzmacher jedoch, aus dieser Spannung für ihren "Maskenball" Funken zu schlagen: Verdi nicht unbedingt idiomatisch, aber ungemein spannend.

Mit der Neuproduktion von Giacomo Puccinis "Trittico" wurden nun der Kapellmeister Christof Prick und als Regisseur der Schauspieler Udo Samel betraut.Samel ist als Opernregisseur noch ziemlich unerfahren und brach in der vorigen Spielzeit in Dresden völlig ein, als er mit Verdis "Aida" zum ersten Mal eine große Ensembleoper inszenierte.Dennoch wurde er mit einem der Sorgenkinder des Repertoires betraut.Puccinis drei Einakter haben im Grunde nichts miteinander zu tun und verlangen je nach einer eigenen ästhetischen Sprache: Der Verismo-Reißer "Il tabarro" ("Der Mantel"), das religiös überhöhte Selbstmorddrama "Suor Angelica" ("Schwester Angelika") und die Florentiner Erbschleicherkomödie "Gianni Schicchi".

Statt konsequent auf eine Kontrastdramaturgie zu setzen, versucht Samel, die drei Opern zu verklammern, indem er Personen und Requisiten aus der einen auch in den anderen beiden Opern auftauchen läßt.So laufen bereits zwei Nonnen durch das Paris des "Mantels", ein Stuhl aus dieser Oper wird später in Florenz stehen und Buoso Donati, die Leiche aus "Gianni Schicchi", erscheint gleich in allen drei Opern.Diese Verbindung bleibt jedoch aufgesetzter Effekt, zumal Samel keinerlei inneren Zusammenhänge der Stücke deutlich machen kann.Dazu hätte es einer nennenswerten Personenregie bedurft.Schon im "Mantel" fällt der ungenierte Gebrauch der abgegriffensten Opernklischees auf: Gereckte Arme als Ausdruck größter Erregung oder zärtliches Umfangen des hintereinander stehenden Paares als Zeichen großer Liebe.

Am deutlichsten werden Samels handwerkliche Defizite jedoch in "Schwester Angelika".Während Bühnenbildner Bernhard Kleber für den "Mantel" einen praktikablen Seine-Kai entworfen hat, stehen nun auf der Bühne eine Monumentalmadonna, verschiedenfarbige Kreuze und eine kränkelnde Palme.Requisiten, wie sie aus jeder Neuenfels-Inszenierung bekannt sind, jedoch ohne durch eine adäquate Regie plausibel gemacht zu werden.Immerhin, elf Nonnen bevölkern den Konvent, von Puccini jeweils individuell gezeichnet.Das Kloster ist für sie ein Lebensraum mit kleinen Fluchten, mit Angst vor Strafe und Freude über winzige Dinge.Ein Mikrokosmos, in den sich Angelika nie eingepaßt hat, weil sie unter Zwang eintrat.Am Leben erhielt sie nur die Liebe zu ihrem Sohn, den sie lange nicht gesehen hat.Als ihre sadistische Tante mitteilt, der Sohn sei bereits vor zwei Jahren gestorben, begeht Angelika Selbstmord.Diesen psychologischen Hintergrund muß der Zuschauer jedoch kennen, denn Regisseur Udo Samel macht nichts davon sichtbar.Eine langweilige Alte erzählt einer Nonne irgendetwas, die nimmt daraufhin Gift.Wenn dann auch noch Buoso Donati die Sterbende an die Hand nimmt und von der Bühne führt, ist die Grenze zur Lächerlichkeit überschritten.

"Im schlimmsten Fall kannst du in der Semperoper immer noch die Augen zu machen", heißt es.Doch diesmal kommt auch aus dem Graben keine Rettung.Dirigent Christof Prick hat kein Gespür für Puccinis Klangfarben, für die rhythmischen Konturen, die Temporelationen.Natürlich liefert die Staatskapelle luxuriösen Klang, aber alles Flotte, Leichte und Helle wird breitgewalzt und in dunkle Farben getaucht, als wären die drei Opern von Richard Strauss.Da haben es auch die achtbar singenden Solisten schwer.Einzig Soja Smoljaninova als Giorgetta im "Mantel" singt rundum überzeugend, idiomatisch und berührend.Wenn schließlich in einem völlig ideen- und humorlos auf die Bühne gestellten "Gianni Schicchi" der Hit des Abends - Laurettas "O mio babbino caro" - ohne jeden tieferen Eindruck und ohne Applaus vorüberzieht, ist auch das ein Zeichen dafür, daß die gesamte Produktion nicht zu retten ist.

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