Kultur : Samurai

Der Pianist Masataka Goto im Französischen Dom.

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Masataka Goto sei „wie ein junger Samurai, der die Ehre der Musik verteidigt“ – so schrieb die Jury des Internationalen Liszt-Klavierwettbewerbs in Utrecht, als sie dem japanischen Pianisten letztes Jahr den ersten Preis zuerkannte. Ein wenig beklommen setzt man sich daher in der Französischen Friedrichstadtkirche nieder, wo der derart Gefeierte ein Recital gibt: Wird Bachs Chromatische Fantasie und Fuge dieser Energie standhalten? Sie tut es durchaus, denn obwohl Gotos Anschlag in der Tat energetisch ist, so gelingt es ihm doch – auch mithilfe seines flinken Pedaleinsatzes – alles Klirrende und Rohe zu vermeiden, so dass sich fast der Eindruck eines vergrößerten Hammerklavierklangs einstellt. Spätestens bei Beethovens später Klaviersonate As-Dur op. 100 fällt jedoch auf, dass der Pianist die Musik der Zeit vor Liszt nicht gerade differenziert betrachtet: Virtuose Figurationen rund und präzise hinzulegen und mit klar herausgemeißelten, aber dennoch nicht starren melodischen Linien zu kombinieren, das ist sicherlich sein Ding, aber für die Darstellung eines dramatischen inneren Dialoges fehlt es ihm an feineren rhythmischen Nuancierungen – hier ist ihm sein chinesischer Kollege Yingdi Sun, der 2005 mit einem ähnlichen interpretatorischen Ansatz ebenfalls den Franz-Liszt-Wettbewerb gewonnen hat, dann doch überlegen. Die gewagten Übergänge, von der Fuge ins Arioso und zurück in die Fuge, die er im letzten Satz der Beethovensonate zu bewältigen hat, werden jedenfalls zu den schwächsten Momenten des Konzerts.

Bei Chopins f-moll-Fantasie und Mendelssohns „Variations sérieuses“ fühlt sich Goto hörbar wohler, doch ganz bei sich ist er erst, als er bei Liszt angekommen ist. Wie er das kurze Hauptmotiv von dessen Konzertetüde Nr. 3 „Un sospiro“ in eine Umgebung von teils donnernden, teils kristallen raunenden Sechzehntelkaskaden setzt, das hat durchaus etwas von der gelassenen Kraft eines asiatischen Kriegers. Als preiswürdigen Bravourissimo-Ausklang setzt er zuguterletzt den Mephisto-Walzer an den Schluss: Der Klang des Flügels wird im lustvoll ausgekosteten fortissimo noch um einige orchestrale Farben bereichert, während auch noch die virtuosesten Figurationen mit einer so unglaublichen Trennschärfe und diabolischen Kraft durch das Gotteshaus zischen, dass es jetzt wirklich niemand mehr wagen würde, die musikalische Ehre Liszts oder Gotos anzuzweifeln. Carsten Niemann

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