San Francisco Youth Orchestra in der Philharmonie : Kein Platz für Rebellen

Vor dem Start des Festival "Young Euro Classic" spielte das San Francisco Youth Orchestra einen intensiven Max Bruch - und eine etwas zu brave Mahler-Sinfonie.

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Das San Francisco Youth Symphony Orchestra
Das San Francisco Youth Symphony OrchestraFoto: Kristen Loken

Erst mal den Hitzestau im Kopf aufgelöst. Klack, klack, klack, der Holzblock des Schlagzeugers wird zur unerbittlich tickenden Zeitbombe, und die Philharmonie verwandelt sich in einen Hexenkessel. Klangflächen reiben aneinander, Mikrorhythmen setzen Widerhaken, alles drängelt, alles drängt: "Short Ride in a Fast Machine" heißt das Vier-Minuten-Stück von John Adams, mit dem das San Francisco Youth Orchestra sein Gastspiel eröffnet, im Vorgriff auf das Festival Young Euro Classic. Ein Großstadtexertitium, vorgetragen mit höchster Disziplin.

Schon 2012 trat das Orchester unter Donato Cabrera in Berlin auf, verblüffte damit, dass es wegen seiner Vielzahl asiatischstämmiger Musiker glatt als Orchester aus Fernost durchgehen könnte, und brillierte mit einem ähnlichen Programm. Auch damals ein kurzer Adams, dann Grieg und Mahler, diesmal folgen auf den Westküstenkomponisten Max Bruchs g- Moll-Violinkonzert und die monumentale Fünfte von Mahler. Erneut machen die jungen Amerikaner ihrem Ruf als einem der weltbesten Jugendorchester mit ihrer Mischung aus Perfektion und Expressivität alle Ehre. Und doch vermisst man etwas: Kopf und Kragen riskieren sie kaum. Jugend trainiert für den Olymp, das ist nichts für Rebellen.

Was fehlt, ist der Wahnsinn

Sergey Khachatryan ist ebenfalls bereits ein Meister seines Fachs. Den Bruch’schen Kantilenen verleiht der 30-jährige Geiger aus Armenien höchste Konzentration und eine Innigkeit, deren Spannung sich aufs Publikum überträgt. Da zelebriert einer die pure Sehnsucht, nichts Neues bei diesem Repertoirekonzert, aber Khachatryans Intensität ergreift einen doch. Höhepunkt des Abends: die Sarabande aus Bachs d-Moll-Partita als Zugabe - behutsam, tastend, von unendlich meditativer Ruhe.

Bei Mahlers Fünfter lässt Dirigent Cabrera sich im eröffnenden Trauermarsch ebenfalls Zeit, legt Strukturen frei, fordert den Musikern Durchhörbarkeit ab. Gut für die vorzüglichen Solobläser, allen voran Trompete und Horn. Aber es bleibt eben auch ein wohlerzogener Mahler. Man vermisst den Wahnsinn im zweiten Satz, das Hässliche, Derbe im Scherzo, das Süßlich-Morbide im Adagietto. Vielleicht verlangt die Freiheit der Musik doch mehr als den Elan der Jugend. Jubel im Saal, zwei Zugaben - und reichlich Vorfreude auf Young Euro Classic, ab 6. August im Konzerthaus.

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