Kultur : Sandkasten-Spiele

Stephan Kimmig inszenierte Shakespeares „Rosenkriege“ als Marathon am Wiener Burgtheater

Christina Kaindl-Hönig

„Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts wir selbst!“, ahnt Georg Büchners Revolutionär Danton in Anblick der nahenden Guillotine. Bereits 200 Jahre vor der Großen Revolution enthüllte sich in den individuellen Zügen der Herrscher von Shakespeares Königsdramen dieser materialistische Mechanismus der Geschichte: Die Feudalgeschichte als große Treppe, über die der Zug der Könige schreitet, gesäumt von Mord und Verrat. Von der letzten Stufe ist es dann nur noch ein Schritt in den Abgrund. Es ist das kalte Räderwerk der Politik, das Shakespeare hörbar macht, die Geschichte als unendliche Kette von Grausamkeiten, die Richard III. gebiert: gottlos, macht- und blutgeil.

„Mein Königreich für ein Pferd“, steht am Ende von Stephan Kimmigs Inszenierung der vier Shakespeare'schen „Rosenkrieg“-Dramen am Wiener Burgtheater. Sein Richard III. hat keinen Gegner mehr außer sich selbst. Anstelle von Shakespeares vagem Geschichtsoptimismus in der Figur Richmonds (später Heinrich VII.) erklingt Beethovens „Freude, schöner Götterfunke“, gesungen vom Ensemble und dem Universitätschor. Wie eine Kampfansage erschallt diese „EuropaHymne“, unüberhörbar der totalitäre Befehlston im stampfenden Rhythmus der Musik: Seid mystisch vereint.

Am Ende blitzt mit einer theatralen Geste ganz heutig, sinnlich Shakespeares Warnung vor politischen Fraktionskämpfen auf. Dem gingen allerdings sieben Stunden schulmeisterlich und äußerst heterogen erzählten Geschichtspanoramas voran; trotz eines 18-köpfigen Ensembles, das sich sechzig Rollen teilt, trotz dreißig Komparsen, Ringern, Stuntmen. Rund fünfhundert Kostüme können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kimmig verulkt und banalisiert, was doch in gegenwärtigen, blutigen Kriegen seine Fortsetzung findet.

Als Chronist führt Hermann Scheidleder durch die „York-Tetralogie“, Shakespeares Frühwerk über die „Rosenkriege“ zwischen den Häusern Lancaster und York um den englischen Königsthron zwischen 1422 und 1485. In 45 Szenen, denen jeweils eine Inhaltsangabe vorangestellt wird, verkürzt Kimmig die drei Teile von „Heinrich VI.“ (in der sacht modernisierten Neu-Übersetzung Albert Ostermaiers) und das Königsdrama „Richard III.“ (Übersetzung: Thomas Brasch) um die komplexe Historie. Eliminiert sind jene Schlachten in Frankreich, die England als politische Weltmacht charakterisieren würden. Anstelle einer Gesellschaft aus Warlords zeigt Kimmig den Königshof als Denver-Clan: Männer-Typen der Upperclass, beim Begräbnis des alten Königs noch im Frack, lassen die Falkenjagd in weißen Bademänteln ausklingen. Ihre Frauen: Fashion Victims, allen voran Margarete, übertrumpft nur durch König Ludwig (Johann Adam Oest): ein Karl Lagerfeld in schwarzem Korsett, getragen von Lustknaben.

Johanna Wokaleks Königin schlüpft vom weißen Designer-Brautkleid ins hellblaue Edel-Kostüm (von Heide Kastler) als könnte die modische Maskierung ihre zitternde Unsicherheit kaschieren. Ihre Figur gewinnt Plastizität erst, als sie die Zügel ergreift, die der handlungsträge König (Philipp Hauß als ewiges Kind) verweigert. Neben den einseitigen Figurentypisierungen sind es überlange Mordszenen, die diesen Abend charakterisieren: Margarete erdrosselt mit ihrer Perlenkette den verhassten York (Martin Reinke), Richard (Nicholas Ofczarek) vollführt mit dem König einen blutigen Schwerttanz, wirbelt ihn im Kreis, das Schwert in dessen Eingeweiden.

Bühnenbildner Martin Zehetgrubers England gleicht einem Darkroom, in dessen zentralem Machtvakuum der Bürgerkrieg tobt, symbolisiert durch einen Holzkubus mit durchsichtigen Plastikplanen. Für „Richard III.“ verwandelt sich die Bühne in einen gleißend-weißen Showroom hinter einem Vorhang aus Glasstein-Kordeln. Ofczareks Richard hinkt durch ein Meer von leeren Plastikflaschen, Leergut eines Hochleistungssportlers politischer Morde. Wie ein trotziges Kind benützt Richard die Hofchargen als Zielscheiben für seine Wasser-Pumpgun.

Neben aufgefädeltem Rampenspiel bietet Kimmig Klamauk. War zwar auch Luk Percevals zwölfstündiger KönigsdramenMarathon, „Schlachten!“ 1999 in Salzburg ein Digest-Destillat, so bestach er doch durch ungewohnt sinnliche Bilder und eine Lebendigkeit, die bei aller Verkürzung den Figuren heißes Blut durch die Adern pumpte. Kimmig zeigt ein Sandkastenspiel mit lebendigen Puppen: Strandgut unserer Wegwerfgesellschaft.

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