Kultur : SANDRA HÜLLER

Jan Schulz-Ojala

Sie nicht im Theater in Jena gesehen, nicht in Leipzig, nicht in Basel, wo sie zurzeit spielt, nur im Film, in diesem einen Film: „Requiem“, was für ’n schwarzer Titel für ein so junges Leben, die zerdruckste hinterwürttembergische Tochter schreckenskatholischer Eltern spielt sie da, die wegkommt von zu Hause nach Tübingen zum Studieren. Sehe dieses von kurzer, schwerer Kindheit niedergehaltene Mädchen, sehe, wie was anfangen könnte in diesem Tübingen, Kaff zur Welt, und dann wird die Studentenbude doch zur Hölle, der Kopf zur Hölle und das Herz. Nur der Körper tobt sich aus, das ist der Teufel, sagen die Eltern, das ist die Epilepsie, sagt die Vernunft, das ist das Leben, das sie ihr weggenommen haben viel zu früh, sagt der Traum; und einmal tanzt sie, Kennenlernparty im Mehrzweckraum des Studentenheims, es läuft „Anthem“ von Deep Purple, und Lichterfetzen gehen über ihr verletzliches Gesicht, sie tanzt sich aus, und wie sie sich austanzt endlich, endlich etwas, das lebt. Alle großen Preise hat Sandra Hüller dafür geholt in diesem Jahr, Silberner Bär, Lola und so weiter, ja, Glückwunsch nochmal, aber egal, nur diese eine Szene erinnern jetzt, wie dieses Mädchen, sogar dieses, endlich zu tanzen beginnt.

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