Kultur : Sanfte Erschütterung

KRISTINA TIEKE

Der Mann liebt den rechten Winkel.Neunzig Grad sind das Prinzip nicht nur seiner Zeichnungen und monumentalen Gemälde, mit denen er 1997 die Schweiz auf der Biennale Venedig vertrat, sondern auch am Arbeitsplatz.Lineale, Stifte und Papier hat er akkurat plaziert - Katalogfotos liefern den Beweis.Kein Wunder, daß die Statiker ihn schätzen.Der Maler Helmut Federle hat im Tessin einen Lehrauftrag für Architektur übernommen.Im Kunstverein Braunschweig konzentriert man sich derweil auf Federles Papierarbeiten: drei Werkkomplexe, drei Jahrzehnte, dreimal rechte Winkel.Die "Black Series!" aus den Siebzigern variiert mit 38 Blättern eine Folge schwarzer Rechtecke und Quadrate auf weißem Grund.Eine geometrische Partitur, deren Rhythmus sich im Nacheinander ablesen läßt.Wer eine Referenz an Malewitschs schwarzes Quadrat vermutet, wird von Federle humorvoll verwarnt."For Elvis Presley" hat er ins Skizzenbuch geschrieben, das der Wandarbeit zugrundeliegt.Es sind die Stilbrüche, die für Spannung in Federles Arbeiten sorgen.Neben strikten Regeln interessieren ihn die Abweichungen.Nur wer genau hinschaut, bemerkt in der "Black Series II", dem auf gleich große Quadrate reduzierten Zyklus von 1980, daß einige Blätter nahezu identisch sind.Minimale Verschiebungen machen den Unterschied.

Diese Schau der sanften Erschütterungen hat Karola Grässlin, frisch berufene Kustodin des Kunstvereins, von ihrem Vorgänger übernommen.Sie mag damit auf heftigere Beben vorbereiten, denn ihre Pläne reichen weit.Das 1805 errichtete Haus "Salve Hospes", in dem der Kunstverein untergebracht ist, soll wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden - mit Rotunde und Sichtachse zum Garten.Für ein Café und die Infothek wird der Schweizer Künstler Heimo Zobernig sorgen, der für die zehnte Documenta bereits den Vortragssaal entwarf.So weit Grässlins Architekturprojekt.

Den Schwerpunkt ihres Ausstellungsprogramms legt die 38jährige ehemalige Assistentin Katharina Sieverdings auf junge Kunst der achtziger und neunziger Jahre.Positionen von Studenten der Braunschweiger Kunsthochschule inklusive.Und weil man allerorten "crossover" praktiziert, hat auch Grässlin Grenzüberschreitungen im Sinn: Musikprojekte mit DJs aus Köln und Los Angeles.Die Zeichen in Braunschweig stehen auf Wagnis.Und Helmut Federles Motto paßt ins Bild: "Man sollte", schreibt er im Skizzenbuch, "sich permanent verunsichern lassen."

Kunstverein Braunschweig, bis 2.Mai; Katalog 40 Mark.

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