Kultur : Sanftes Gift

SANDRA LUZINA

Der erste Auftritt gehört dem Bühnentechniker mit dem Wasserschlauch.Für die Produktion "Arien" aus dem Jahr 1979 wird die Bühne des Opernhauses in Wuppertal-Barmen knöcheltief unter Wasser gesetzt, hinten ist zudem ein Bassin eingelassen, in dem sich nach Herzenslust plantschen läßt.Das 25jährige Bestehen des Wuppertaler Tanztheaters wird mit einem Fest begangen, neben "Arien" stehen sieben weitere Stücke von Pina Bausch wieder auf dem Spielplan.

"Pina Bausch geht baden und wir gehen mit" haben die Tänzer das Stück, das wie viele Stücke von Pina Bausch lange ohne Titel war, damals getauft: der ästhetischen Risiken waren sich damals wohl alle bewußt.In Wuppertal, heute noch die erste Adresse des deutschen Tanztheaters, wurde vor einem Vierteljahrhundert ästhetisches Neuland betreten, hier wurden die Grenzen zwischen Tanz und Schauspiel, Sprech- und Musiktheater überwunden.Heute erfreut sich das Tanztheater Wuppertal einer Popularität und Anerkennung, die die heftigen Theaterskandale, all die wütenden und empörten Reaktionen von damals fast vergessen lassen.Stärker nimmt man heute die vielgestaltige Komik im Werk von Pina Bausch wahr, eine Komik, die oft von Verzweiflung durchtränkt ist, ins Elegische oder Bitter-Böse spielt; in den jüngeren Produktionen der 58jährigen Choreographin findet sich aber auch eine wunderbare Heiterkeit, eine Gelassenheit des Alters.Provokant und schockierend muten die Stücke heute nicht mehr an, doch Irritationen halten sie immer noch parat, sie verabreichen ein sanftes Gift, das noch lange nachwirkt.Vor allem kann man sich heute, wo Sichtweisen und Darstellungsformen der Choreographin, ihre künstlerische Haltung durchgesetzt sind, an der perfekten Machart, der kompositorischen Meisterschaft der Stücke erfreuen, ja in einen Bausch-Rausch verfallen.

"Arien" im Bühnenbild von Rolf Borzik bündelt bereits die Themen und Materialien, es macht deutlich, daß das Erproben neuer Ausdrucksformen immer auch mit bühnenbildnerischen Innovationen verbunden war.Das Tanztheater der Pina Bausch ist auf physischen Widerstand und Kontakt, auf reale Gefährdungen und Risiken aus.Der Boden in "Arien" ist naß und rutschig.Bei den schnellen Läufen spritzt das Wasser bis ins Parkett, Hetzjagden münden in Stürzen.Die klatschnassen Tänzer führen die Auflösung von Form und Konvention vor.Kleine Untergänge werden geprobt, ein Eintauchen in verlorene Kindheitsparadiese, bei alledem verstömt das Stück eine hinreißende Sinnlichkeit.Immer wieder erzählt Pina Bausch von verfehlten und entgleisenden Annäherungen, von mißglückender Liebe.Die zarte love story zwischen dem Nilpferd und der Tänzerin in "Arien" wird zum Sinnbild für die Unmöglichkeit der Liebe.Und Jo Ann Endicott, die all ihre Lebenserfahrung in ihre Rolle legt, ist heute fast noch bewegender als vor zwanzig Jahren.Die altitalienischen Arien, gesungen von Benjamino Gigli, werden bald von Geschrei und Gelächter überlagert, wie auch das Unglück der vergeblich Liebenden fast in der allgemeinen Amüsierwut untergeht.

Doch nicht nur die satirischen oder grotesken Gesellschaftsbilder der Bausch haben heute noch ihre Gültigkeit.Die Stimme, die von Trauer und Verlusten erzählt, Pina Bausch hat sie stets lebendig gehalten - auch wenn andere Farben und Stimmungen in ihren Stücken dazukommen, wenn da immer auch Glücksmomente, Augenblicke der Lust zu finden sind.Was Menschen einander antun, das schildert das Tanztheater der Pina Bausch in immer neuen Variationen und immer neuen Bildern.Wo die Choreographin von Gelebtem mit all seinen Verfehlungen erzählt, erzählt sie immer auch von Ungelebtem; noch im beharrlichen Durchkonjugieren von Unmöglichkeiten, dem permanenten Scheitern blitzt auf, was vielleicht sein könnte.Das Tanztheater Wuppertal ist längst gefragtester Kulturexport der Republik, auf ausgedehnten Tourneen wurde das Ensemble rund um den Globus gefeiert.Weltweit gilt Pina Bausch als Inbegriff deutschen Tanztheaters - und zugleich mehr als deutsch.Alle wollen Pina, reißen sich um Koproduktionen, ihr Werk gehört der Welt.

Nun kommt die Welt nach Wuppertal zum fröhlichen "Come together".In diesen grauen Herbsttagen gab es viel zu sehen und zu bestaunen.Da konnte man eine ganze Bruderschaft von Shaolin-Mönchen in der Schwebebahn antreffen.Abends fanden sich die Kung-Fu-Meister, die noch niemals außerhalb von China aufgetreten sind, zur Gypsy Night ein, wo Zigeuner-Clans aus Indien, Rumänien, Makedonien und Ungarn bis tief in die Nacht musizierten.Der Startänzer Michael Baryschnikow ist aus New York angereist - auf Gage hat er verzichtet.Das Fest versammelt Künstler aus mehreren Kontinenten, das Programmheft weist sie als Freunde von Pina Bausch aus - bei Nachfragen können es dann auch mal Freunde von Freunden sein.Egal, die Wuppertaler Prinzipalin, die mit schöner Entschlossenheit ästhetische Schranken niedergerissen hat, lädt zu Spielen ohne Grenzen, zu einem Fest der Begegnung ein.Die gewohnten ästhetischen Bewertungen und Kategorisierungen haben hier keine Gültigkeit mehr: Avantgarde steht neben Tradition, die sibirische Obertonsängerin trifft auf den Hiphop-Tänzer aus Paris, der gefeierte Bühnenstar begegnet dem scheuen Klosterbruder.

Das angekündigte "Überraschungsgeschenk" des Modeschöpfers Yohji Yamamoto lockte dann ein überwiegend schwarz gekleidetes Publikum ins Opernhaus.Natürlich hat der große Designer eine kleine Kollektion seiner Kleider mitgebracht - die Tänzer-Models können mitsamt den Edelroben schon im Foyer bewundert werden.Von nahem sind sie nun in Augenschein zu nehmen, die fast ausnahmslos schwarzen Kreationen aus edlen Materialien, die Schnitte von raffinierter Schlichtheit und skulpturaler Eleganz - in dieser Garderobe würden sich die Bausch-Akteure nicht so leicht ins Wasser werfen wie mit den Kostümen von Marion Cito.Männer tragen ganz selbstverständlich Röcke - dies eine Reverenz an Pina, die ihre Männer öfters in Frauenkleider steckte, sowie eine Reminiszenz an die eigene japanische Heimat.Doch wer eine Modenshow erwartet hat, wurde enttäuscht.Yamamoto, der der "Japan Karate Association" angehört, hat zehn Karatemeister eingeladen.Mit gebührendem Ernst werfen die Gürtelträger sich gegenseitig zu Boden.Das aufgeschlossene Publikum und die lernwilligen Tänzer werden unter lauten Ho-Rufen in die Kunst der Selbstverteidigung eingeführt.East meets West: Der Demonstration, wie die Kulturen voneinander lernen können, fehlt es nicht an Komik.Denn wenn ausgerechnet Jan Minarik, ein Bausch-Protagonist der ersten Stunde, in gelb-orangenem Trainingsanzug "Über Karate" belehrt und einzelnen Akteuren Haltungskorrekturen gibt, dann wähnt man sich fast in einem Stück von Pina.

Im Programmheft ist eine wundervolle Liebeserklärung von Yamamoto nachzulesen: "Im Moment, als ich Pina traf, geriet ich aus dem Lot.Immer habe ich Kleider kreiert auf der Suche nach der idealen Frau, dann traf ich Pina und hatte das Gefühl, als hätte ich nur für sie gearbeitet." Die so Angebetete findet sich zu einem Kurzauftritt bereit, läßt in schwarzem Gewand den Kopf kreisen, die Arme schwingen - sie ist ganz versunken und doch ganz bei sich.Die Provokateurin Pina ist längst ein unangreifbares Monument - und so wird sie hier auch inszeniert.Als zwei Karate-Kämpfer sich der Tanzenden nähern, prallen sie zurück wie vor einem immensen Kraftfeld.Pinas Unbeirrbarkeit läßt sie alle Attacken unbeschadet überstehen.Doch auf einen Sockel muß man die Choreographin, die jedes Aufsehen um ihre Person haßt, nicht heben.Vor allem nicht in Wuppertal, wo alle nur von der Pina und nie von Frau Bausch reden, wo der Satz "Und Pina hat gesagt ..." jedes Gespräch grundiert.Am Abend zuvor nahm die Gefeierte die standing ovations mit gewohntem Ernst entgegen - diesmal freut sie sich sichtlich über die Huldigungen ihres prominenten Verehrers.Pina tanzt.Und Pina lächelt! Wuppertal feiert.

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