Sanierung : Erfurts jüdischer Schatz

Nach 1000 Jahren in alter Pracht: Das älteste Bethaus in Mitteleuropa, die Alte Synagoge in Erfurt, wird zum Museum. Es überstand die Zeit des Nationalsozialismus nur, weil es nicht als jüdisch erkennbar war.

Igal Avidan
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Sanierung. Hier wird der Tanzsaal der Alten Synagoge restauriert. -Foto: dpa

Knapp sieben Jahrhunderte nach der Zerstörung und Entweihung der Alten Synagoge in Erfurt wird sie am 26. Oktober als Museum wieder eröffnet. Im ältesten bis zum Dach erhaltenen Bethaus in Mitteleuropa wird ein außerordentlicher Schatz ausgestellt: 3000 Silber- und Goldmünzen und mehr als 700 Einzelstücke gotischer Goldschmiedekunst. Erst drei Jahre nach der Wiederentdeckung fanden die Archäologen in einem geschlossenen Gefäß das wichtigste Exponat, den mit Drachen gezierten goldenen Hochzeitsring in Form eines Miniaturgebäudes mit der eingravierten Inschrift ‚Mazel Tov‘“ („Viel Glück“), und kennzeichneten die Funde eindeutig als jüdisch.

Glück hatten auch die Bauforscher und Archäologen in der Thüringer Landeshauptstadt. Der Erfurter Denkmalpflegerin Rosita Peterseim gelang es in einer abenteuerlichen Aktion 1991, das Hinterhaus einer Gaststätte in der Altstadt als Synagoge zu identifizieren. Bauforscher Elmar Altwasser seilte sich in den Zwinger ab, wo einst Schweine gezüchtet worden waren. Mit der Zeichnung in der Hand überredete Peterseim den Besitzer, das Vorderhaus abzureißen, damit die Westfassade mit der Fensterrosette und den fünf gotischen Lanzettfenstern wieder sichtbar wird.

Das aus dem frühen 12. Jahrhundert stammende und nun mit Millionenaufwand sanierte Gebäude mit dem zwölf Meter hohen Betraum überstand die Zeit des Nationalsozialismus, weil es nicht als jüdisch erkennbar war. Bald werden die Besucher hier erfahren, wie sehr die kleine jüdische Gemeinde zum Aufstieg Erfurts im Mittelalter beitrug. Hier lebten wohlhabende jüdische Bankiers, die den Stadträten, Fürsten und Händlern Kredite gaben. Um 1300 wurde die Synagoge um eine Knabenschule und einen Frauenbetraum erweitert. In der Zeit verteidigten die 1000 Juden und 16 000 Christen gemeinsam die von den Truppen des Landgrafen belagerte Stadt.

Im März 1349 endete dieses Zusammenleben abrupt. Alle Juden wurden ermordet, ihr Eigentum geplündert, die Synagoge verkauft und in ein Lagerhaus umgebaut. Beneideten die ärmeren Christen die reichen Juden, misstrauten sie ihren Ritualen in der Synagoge? Oder wollte die Stadtverwaltung ihre Schulden durch das Pogrom tilgen? Die Juden, die einzigen Fremden in Erfurt, wurden zum Sündenbock für die Schwarze Pest gemacht – was die Historikerin Maria Stürzebecher, die den Schatz für das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie erforschte, „besonders infam“ findet: Schließlich brach die Pest in Erfurt erst ein Jahr später aus. Kurz vor dem Pogrom versteckte der jüdische Bankier Kalman von Wiehr sein Privateigentum: acht Silberbecher, Broschen, Ringe, Gewandschließen und ein Silberflakon, das die Dame von Welt am Gürtel trug. Nun konnte von Wiehr, dessen Schuldscheine die Stadträte eingetrieben hatten, als Besitzer identifiziert werden.

1458 wurden die Erfurter Juden endgültig vertrieben. Rund 400 Jahre war Erfurt „judenfrei“. Nach dem Holocaust ließen sich hier Überlebende nieder, für die die kommunistischen Behörden 1952 eine neue Synagoge bauen ließen. Doch schon ein Jahr später veranlasste eine antisemitische Hetzkampagne die meisten Juden, in den Westen zu fliehen.

Im 19. Jahrhundert diente das Obergeschoss der Alten Synagoge als Kaffeehaus – mit Empore und Tanzsaal. Halbnackte weibliche Figuren an den Wänden erinnern an diese Nutzung in der Gründerzeit. Jetzt werden hier hebräische Handschriften ausgestellt, erläutert Ines Beese, Direktorin der Alten Synagoge. Dazu gehört der älteste deutschsprachige „Judeneid“ aus dem 12. Jahrhundert, in dem die Aufenthaltsrechte der jüdischen Gemeinde formuliert wurden. Und auch zwei Faksimili der zweibändigen, 100 Kilo schweren Erfurter Bibel von 1343, der ältesten handgeschriebenen hebräischen Bibel der Welt.

In der Altstadt wurde nach der Wende viel restauriert. So entdeckte man 2007 auch das jüdische Ritualbad direkt an der Gera. Das Bad wird bis 2011 eröffnet. Mit diesem jüdischen Altstadt-Ensemble bewirbt sich Erfurt bei der Unesco als Weltkulturerbe.Igal Avidan

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