Kultur : Sant’ Euro

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Henning Klüver über

modernen Ablasshandel in Italien

Es lässt sich nicht mehr verheimlichen: Italien leidet unter seinen Touristen. Jedes Jahr fallen Heerscharen urlaubswütiger Menschen im schönsten Land der Welt ein - und machen offensichtlich mehr Kosten als sie Geld ausgeben. Wie soll sich ein Land, das mit einer schier unübersehbaren Zahl von Kirchen und Klöstern, Palästen und Gärten, historischen Zentren und Museen geschlagen ist, davor schützen? Was tun, ohne gleich als fremden- oder kulturfeindlich zu gelten? Man verfiel auf eine Politik der kleinen Nadelstiche, die von den Betroffenen allerdings zumeist unter „Abenteuer einer Urlaubsreise“ verbucht wird: Mal waren es die Algen in der Adria, mal geschlossene Museen, früher auch schon mal die Plage der Taschendiebe, mit denen die Italiener den zerstörerischen Touristenstrom wenigstens notdürftig eindeichen konnten.

Jetzt hat man zum letzten Mittel gegriffen: Im Land des Papstes wird Eintritt für (manche) Gotteshäuser verlangt. Wissen wir doch, dass Kirchen auch an den heißestes Tagen ohne Klimaanlage kühl bleiben, ruhige Sitzplätze bieten und – für den, der ein Auge dafür hat – auch die Möglichkeit, Kunst nicht museumsfern, sondern im ursprünglichen Rahmen zu bewundern. Das alles gab es bislang gratis – es war wundervoll.

Doch die Zeit der Wunder ist vorbei. In Florenz begann es vor einigen Jahr klammheimlich mit dem Baptisterium, es folgten die Kirchen Santa Maria Novella und San Lorenzo. Gläubige müssen sich seitdem zum Gebet hinter Absperrungen in Nebenkapellen schleichen. Und das nicht nur in Florenz, sondern auch in Verona und Ravenna, Pisa und Venedig. In der Lagunenstadt gibt es einen „Chorus pass“ für acht Euro, mit dem man 15 Kirchen im Sammelpaket zum Sonderpreis besichtigen kann. In Florenz ist jetzt Santa Croce hinzugekommen. Für supermarktverdächtige drei Euro werden neben der kühlen Kirche mit ihren Gräbern von Michelangelo bis Galilei - nimm drei, zahl zwei - auch Kreuzgang und Pazzi-Kapelle angeboten. Um die Touristen weiter abzuschrecken, erfand die amministrazione am Arno die unterschiedlichsten Preise und Öffnungszeiten (im Baptisterium zahlt man nur zwischen 12 Uhr und 19 Uhr, vormittags bleibt der Eintritt frei; im Palazzo Pitti zahlt man für jede Abteilung extra), um der bildungsbürgerlichen Massen Herr zu werden. Vermutlich vergebens. Denn selbst diese neue Kirchensteuer - durchaus eine moderne Form des Ablasses - wird uns nicht abhalten, nach Arkadien zu reisen. Ob Algen oder Taschendiebe, ob drei oder acht Euro für die schönsten Kirchen: Ihr lieben Italiener, ihr habt euch verrechnet.

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