Sarah Palin : Die aus der Kälte kam

Stimme des konservativen Amerika: Sarah Palin und ihre Biografie „Going Rogue“

Joey Goebel
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Sarah Palin signiert ihr Buch. -Foto: AFP

Wenn Barack Obama Europas neuer Superheld ist, dann ist die Rolle des Bösewichts wieder frei. Aber wem würde diese Rolle stehen? Für Sarah Palin, Obamas Anthitese in vielerlei Hinsicht, wäre der Schurkenpart am Ende sogar ein Kompliment. Der eine ist ein liberaler schwarzer Mann, dessen Sätze in den Himmel steigen, die andere eine konservative weiße Frau, deren volkstümliche Sprache direkt in den Dreck zielt. In ihrer Autobiografie „Going Rogue“ posiert Palin voller Stolz als Anti-Obama, und es sieht ganz so aus, dass dieser Anti-Obama uns auf der nationalen Bühne noch ein bisschen erhalten bleibt.

Mit 300 000 verkauften Exemplaren allein am ersten Erscheinungstag ist „Going Rogue“ eines der erfolgreichsten Sachbücher in der Geschichte des ameriknaischen Verlagswesens. Was Inhalt und Rezeption angeht, ist Palins Buch ein Beweis dafür, dass die Stimme des konservativen Amerikas noch immer laut ist, und obzwar diese Stimme nervenaufreibend ist, wird sie in den nächsten Jahren überall zu hören sein.

Hören wir mal kurz hin, was uns diese Stimme in „Going Rogue“ zu sagen hat. Eines noch vorweg: Es ist wichtig zu wissen, dass es einen Bauchredner gibt, der uns durch die 413 Seiten begleitet; Gerüchten zufolge fungierte der konservative Autor Lynn Vincent als Ghostwriter. Allerdings taucht er nur als einer von vielen in den fünf Seiten langen Danksagungen auf. Indem er den Ghostwriter im geisterhaft Nebulösen lässt, hat der Verlag Harper Collins die Authentizität einer Politikerin, deren Gimmick ihr Image des echten Kleinstadtmädchens aus Wasilla, Alaska ist, untergraben. Der Leser kann also nicht anders als die Seriosität des Buches anzuzweifeln – weiß er doch, dass ein Ghostwriter im Spiel war, der nicht auf dem Cover erwähnt wird.

Palin / Vincent wählen für ihr Buch den typischen szenischen Einstieg einer Star-Biografie. Der Leser befindet sich unmittelbar mittendrin. In diesem Fall handelt es sich um die größte Kirmes in Alaska, über die die damalige Gouverneurin Palin mit ihrer kleinen Tochter bummelt, als sie einen Anruf des Präsidentschaftskandidaten John McCain bekommt. McCain will wissen, ob sie ihm helfen will, „Geschichte zu machen“. Dann spult der Erzähler zu Palins Geburt zurück, und wir verbringen die erste Hälfte des Buches damit zu erfahren, was bisher geschah, was Sarah zu Sarah machte. Und das sind – abgesehen von ihrem festen Glauben – zwei Dinge: ihre Sportbesessenheit und eine fast schon hysterische Liebe zu Alaska.

Es sieht so aus, als hätte der Sport in Palins Entwicklungsjahren eine tragende Rolle gespielt, und noch heute besteht ihre Philosophie größtenteils aus dem Duktus eines Basketballtrainers. Nicht dass Sie jetzt denken, ich übertreibe! Der Einfluss von Sport auf dieses Frauenleben ist immens. Auf Seite 41 steht: „Alles, was ich wissen musste, lernte ich auf dem Basketballplatz.“ Ihre Jugendliebe, ihr späterer Ehemann, wird eingeführt als „bester Basketballspieler, den Wasilla jemals gesehen hat“. Später wollte sie unbedingt Sportreporterin werden, und ihr erstes Kind nannte sie Track. Warum? Weil gerade Leichtathletiksaison (engl: Track and Field) war.

Wegen ihrer schier uferlosen Zuneigung für Alaska hätte ihr Buch auch den Untertitel „Mein Liebesbrief an Alaska“ tragen können. (Das wäre jedenfalls besser gewesen als „Ein amerikanisches Leben“ – diesen Untertitel hat sie sich von der Autobiografie ihres Helden Ronald Reagan ausgeliehen.) Dauernd feiert sie die abenteuerlustige Grenzwelt, aus der sie kommt. Sie treibt ihre Raubeinigkeit in solche Höhen, dass auch der letzte amerikanische Waffennarr sie als Schwester im Geiste erkennt, als weiblichen Über-Redneck, der in der Lage ist, uns alle zu führen. Interessant wird das Buch erst in der zweiten Hälfte. Da nämlich erfahren wir, was nach dem schicksalhaften Anruf von Senator McCain passierte: Die Marke „Sarah Palin“ war über Nacht in aller Munde.

Hier sind ein paar „Rogue“-Höhepunkte aus dem erfolglosen Vizepräsidenten-Wahlkampf 2008:

– Während der ausufernden Sicherheitsüberprüfung, die Palin über sich ergehen lassen musste, bevor sie in McCains Wahlkampfteam aufgenommen werden konnte, erzählte sie nur von einer einzigen Leiche in ihrem Keller: „Es hat mich so nervös gemacht, dass mir regelrecht übel wurde, aber ich fühlte mich verpflichtet, von dem ’D’ zu berichten, dass ich vor 20 Jahren am College in einem Kurs bekam.“

– Den berühmten Witz, den sie bei der Nationalversammlung der Republikaner gemacht hat, konnte sie tatsächlich aus dem Stegreif aufsagen. Der Teleprompter war ausgefallen und ermöglichte Sarah, ihr Improvisationstalent unter Beweis zu stellen. („Was ist der Unterschied zwischen einer Hockey Mom und einem Pitbull? Lippenstift.“)

– Es ist kein Geheimnis, dass McCains Wahlkampfteam Palin kleingehalten hat, aber die Taktik der konservativen Strategen ist durchaus eine Erwähnung wert: Jeder Befehl, den sie erhielt, kam angeblich direkt aus dem „Headquarter“ – „einer mysteriösen, in weiter Ferne liegenden Behörde, deren Identität und Lage nie ganz erklärt wurde“.

– Palin sagt, dass das Interview mit Katie Couric deshalb so katastrophal war, weil Couric tendenziös berichtet habe und generell unamerikanisch sei. Dazu zitiert sie einen Kommentar von Couric, dass diese sich mit dem Hyper-Patriotismus nach dem 11. September 2001 nicht wohlgefühlt habe. Palin dagegen fühlt sich patriotismustechnisch pudelwohl, schreibt sie doch: „Amerika ist das beste Land der Welt“ und sogar: „Amerika muss die stärkste Nation der Welt bleiben, um frei sein zu können.“

– Der oft zitierte Satz zum Thema „Obama, der Terroristenkumpel“ ist nicht auf Palins Mist gewachsen. Wer ihn sich ausgedacht hat? Wahrscheinlich das „Headquarter“.

Nachdem sie den Wahlkampf behandelt hat, erklärt Palin ihre Gründe dafür, ihre Amtszeit als Gouverneurin von Alaska vorzeitig beendet zu haben. Und die letzten 20 Seiten widmen sich ihrer politischen Überzeugung. Sie beschreibt sich selbst als Konservative mit gesundem Menschenverstand, nennt Reagan und Margaret Thatcher ihre Vorbilder und fordert „Respekt für Geschichte und Tradition sowie traditionelle Moralvorstellungen“. Ihre wichtigste moralische Annahme ist, dass „der Mensch sich versündigt hat“. Das habe sie, schreibt Palin, in die Politik getrieben. Außerdem, erklärt sie, sollten wir die idealistische Hoffnung aufgeben, dass eine Regierung die Gesellschaft irgendwie „reparieren“ kann, weil der Mensch sowieso schwach und verführbar ist.

Das wirft natürlich die Frage auf: Warum überhaupt für ein Amt kandidieren und Teil dieses sinnlosen Gebildes werden, das sich Regierung nennt? Ein zynischer Leser könnte die Antwort irgendwo in dem Geschwalle über Obamas Idee, den Reichtum neu zu verteilen, finden. Palin schreibt: „Abe Lincoln hat die Amerikaner daran erinnert, dass man den Armen nicht helfen kann, indem man eben denjenigen, die ihnen Jobs gegeben haben, Privilegien nimmt.“ Für Palin ist dies ein Grundpfeiler republikanischer Politik: Die Interessen der Reichen müssen geschützt bleiben. Wenn die Gesellschaft schon nicht repariert werden kann, kann die Regierung wenigstens dafür Sorge tragen, dass die versündigten Reichen den versündigten Armen nicht einen Teil der Steuern abnehmen müssen.

Um fair zu bleiben: Es ist schwer, „Going Rogue“ zu lesen, ohne Mitleid zu empfinden für eine Frau, die ein so viel einfacheres Leben haben könnte, wäre sie nicht in die Politik gegangen. Seit sie die männlich dominierte Regierungswelt betreten hat, musste sie alle erdenklichen Arten von Sexismus ertragen und sich außerdem ständig dafür verteidigen, dass sie Kinder hat (mittlerweile fünf).

Als sie Bürgermeisterin wurde, haben ihre Gegner eine Petition eingebracht und behauptet, sie sei nicht erfahren genug. Als sie dann Bürgermeisterin war und einen widerborstigen Polizeichef gefeuert hat, beschuldigte er sie der sexuellen Diskriminierung – sie habe ihn doch nur hinausgeschmissen, weil sie sich von seiner männlichen Autorität eingeschüchtert gefühlt habe. Und McCains Wahlkampfstratege Steve Schmidt (der andere böse Gegenspieler neben Obama) machte Sarah gar für McCains Niederlage verantwortlich. Schließlich sei sie ein wenig neben der Spur gewesen: Ihre Diät habe ihren Verstand beeinflusst, und außerdem habe sie bestimmt unter postnataler Depression gelitten.

Die einzig überraschende Stelle: Palin gibt zu, dass sie kurz an Abtreibung dachte, als sie erfuhr, dass das Kind in ihrem Bauch das Down-Syndrom hat. Daher könne sie nun Abtreibungsbefürworter besser verstehen. Für jemanden, der so weit rechts steht, ist so eine Aussage politisch ziemlich riskant.

Der Rest bleibt absolut vorhersehbar, von der Widmung für die amerikanischen Truppen bis zum Schluss, der sich einen weiteren Angriff auf das Weiße Haus vorbehält. Leider beantwortet es die wichtigste Frage nicht: Warum ist Sarah Palin noch gleich in die Politik gegangen? Als Erklärung muss genügen: Irgendein Gesellschaftslöwe dachte, sie würde sich gut im Stadtrat machen. Dass sie sich dann plötzlich im Präsidentschaftswahlkampf wiederfand, beschreibt sie so, als sei sie da irgendwie reingeraten.

Die einzige Erkenntnis dieses Buches lautet: Es ist echt nicht leicht, Sarah Palin zu sein.

Aus dem Amerikanischen von Esther Kogelboom. Den Originaltext finden Sie hier.

Zur Person: Geboren 1980 in Henderson, Kentucky, gehört Joey Goebel zu den großen Talenten der US-Literatur. Oft wird er mit T. C. Boyle oder John Irving verglichen. Mit fünf Jahren schrieb er erste Stories, und viele Jahre tourte er als Leadsänger einer Punkrockband durch die USA. Diese Erfahrung inspirierte ihn zu seinem Debüt „Freaks“, es folgten die Romane „Vincent“ und „Heartland“. In deutscher Übersetzung erscheinen seine Bücher beim Diogenes Verlag.

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