Sarajevo Film Festival : Gemeinsame Sachen

Was der Krieg auseinanderriss, bringt das Kino zumindest teilweise wieder zusammen: Eindrücke vom 21. Filmfestival in Sarajevo, von Provinzdramen, Stierkämpfen und einem türkischen Triumph.

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Himmel hilf. Der Priester Petar (Nikola Ristanovski) in dem Film „Igla ispod praga“ von Ivan Marinovic.
Himmel hilf. Der Priester Petar (Nikola Ristanovski) in dem Film „Igla ispod praga“ von Ivan Marinovic.Foto: Soul Food Films

Als die kroatische Diskuswerferin Sandra Perković bei den Olympischen Spielen von Rio Gold gewann, machte sie nicht nur mit dieser Spitzenleistung Schlagzeilen. Auch ihre Aussage, dass sie die serbische Weitspringerin Ivana Spanović anfeuere, wurde in vielen Balkan-Medien thematisiert. Es war ein schöner Kontrapunkt zu dem gruseligen Beschimpfungs- und Protesttheater, das serbische und kroatische Politiker kurz zuvor rund um den 21. Jahrestag der Krajina-Rückeroberung durch kroatische Truppen aufgeführt hatten.

Olympiasiegerin Perković ging sogar noch weiter: „Wir halten hier alle zusammen“, sagte sie über das Verhältnis der Athletinnen und Athleten aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bei den Spielen. Scherzhaft fügt sie hinzu, dass die Bosnier zu den Kroaten in Therapie gingen, die Kroaten bei den Slowenen und die Slowenen bei den Serben. „Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen, dadurch sind wir stärker und es herrscht ein positiver Geist“, so die Sportlerin, die noch ein Baby war, als der gewaltsame Zerfall Jugoslawiens begann.

Dass die Menschen der Region noch immer viel verbindet und sie erfolgreich zusammenarbeiten können, zeigt sich seit einigen Jahren auch verstärkt im Filmgeschäft. So waren in der vergangenen Woche auf dem Filmfest von Sarajevo unter den 223 Filmen aus 61 Ländern auffallend viele Koproduktionen aus den einstigen jugoslawischen Republiken. Den Preis für den buntesten Ex-Yu-Mix teilten sich dort die serbisch-bosnisch-montegrinisch-französische Koproduktion „Svi severni gradovi“ von Dane Komljen, das slowenisch-mazedonisch-bosnische Drama „Nočno življenje“ von Damjan Kozole und das serbisch-kroatisch-bosnische Regiedebüt der Schauspielerin Mirjana Karanović mit dem Titel „Dobra žena“.

Eine Frau erfährt, dass ihr Mann im Krieg Zivilisten hingerichtet hat

Die Schauspielerinnen und Schauspieler der Region überspringen schon länger die neuen Ländergrenzen, wobei die mit Kusturica-Filmen bekannt gewordene Mirjana Karanović 2003 die erste Serbin war, die nach dem Krieg in einem kroatischen Film mitspielte („Svjedoci“). Zwei Jahre später übernahm sie die Hauptrolle im bosnischem Bären-Gewinner „Grbavica“ von Jasmila Žbanić . Die Regisseurin aus Sarajevo gehört nun zu den Produzentinnen von Karanovićs erstem eigenen Film, für den die Belgraderin auch das Drehbuch geschrieben hat. Angesiedelt in der Nähe von Belgrad, erzählt sie von der 50-jährigen Milena, die herausfindet, dass ihr Mann im Krieg an der Hinrichtung unbewaffneter Zivilisten beteiligt war. Sie hat ihn nie gefragt, was er in seiner Militärzeit genau gemacht hat, sondern sich auf Kinder und Haushalt konzentriert. Wie diese von Karanović selbst verkörperte titelgebende „gute Frau“ die Erschütterung ihrer heilen Welt verarbeitet, zeigt sie lebensnah und eindringlich.

Obwohl der Film in Sundance Premiere hatte und bereits bei einigen Festivals lief, war die erste Vorführung in Sarajevo für Karanović etwas Besonderes. Als die 3000 Zuschauerinnen und Zuschauer sie im Open Air Kino Metalac mit stehenden Ovationen empfingen, war das einer der berührendsten Augenblicke dieses 22. Sarajevo Film Festivals.

„Ich habe hiervon geträumt“, sagte Karanović sichtlich bewegt und fügte am folgenden Tag bei einem öffentlichen Gespräch hinzu, dass sie verstehe, dass in Serbien die Kriegsverbrechen verdrängt würden. „Aber ich kann da nicht mitmachen“, sagte die in ihrer Heimat von Nationalisten angefeindete Schauspielerin.

Die filmische Verarbeitung der kriegerischen neunziger Jahre hat einen festen Platz auf dem Festival, was diesmal vor allem die Dokumentationen übernahmen. So gewann Tarik Hodžić den Doku-Wettbewerb mit „Scream for me Sarajevo“, einem Porträt der Musikszene im belagerten Sarajevo, wo Iron Maiden- Sänger Bruce Dickinson ein legendäres Konzert gab.

Eine herausragende Dokumentation zeigte der in Linz lebende Siniša Vidović: „Korida“ führt in die jahrhundertalte Tradition der bosnischen Stierkämpfe ein. Es sind große Volksfeste, bei denen es keine Rolle spielt, aus welchem Landesteil die Tiere oder die Zuschauer stammen. Genau wie die Eigentümer der Stiere haben hier alle ähnliche Probleme, die sie bei den Kämpfen für eine Weile vergessen können. „Wir mögen Hinterwäldler sein, aber wenigsten sind wir alle zusammen“, sagt die Bullen-Eigentümerin Renata Prnjaković.

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