Kultur : Sascha A. & B. (Kommentar)

Gregor Dotzauer

Aus der Sicht jener alten Bundesrepublik, die in Gestalt von Stadtindianern, Anarchos und Kommunarden ihre eigene (dürftige) Gegenkultur hatte, wirkte die Ostberliner Szene vom Prenzlauer Berg manchmal wie eine Utopie dessen, was aus der DDR hätte werden können - wenn die Staatsoberen sie nur gelassen hätten. Auch wer mit entmystifizierenden Absichten von diesem Biotop aus Schimmelpilz, Partylaune und Stasi-Verstrickungen erzählt, entwirft ein pittoreskes und unterschwellig oft wehmütiges Bild - schon weil diese Art von Bohème durch nichts wiederzubeleben ist. Die Implosion von Lebensenergien unter der Glocke des Sozialismus hat gegenüber dem Aufbegehren gegen einen demokratisch verfassten Kapitalismus ihre unleugbare Anziehungskraft. Der von Barbara Felsmann und Annett Gröschner im Berliner Lukas Verlag herausgegebene Gesprächsband "Durchgangszimmer Prenzlauer Berg" (572 Seiten, 39, 80 Mark) macht da keine Ausnahme, und die Hoffnung, die Vergangenheit durch akribische Bestandsaufnahme vor dem touristischen Staunen zu retten, geht sicher nicht ohne weiteres auf. Diese "Berliner Künstlersozialgeschichte in Selbstauskünften" ist ein spannendes Buch über Hinterhöfe, Außenklos, Wasserschäden, Kneipentouren und Trinkgelage, heimliche Wohnungsaneignungen, Salonkultur und wilde Familienverhältnisse; es verrät auch viel über das Selbstbewusstsein, mit dem hier Schriftsteller wie Bert Papenfuß, Peter Wawerzinek oder Richard Pietraß neben bildenden Künstlern, Film- und Theaterleuten ihre jungen Jahre Revue passieren lassen.

"Durchgangszimmer Prenzlauer Berg" ist aber nicht zuletzt ein Buch über Sascha Anderson: einen Mann, dessen Gegenwart aus all diesen Erinnerungen nicht wegzudenken ist. Man stößt auf Distanz zu Anderson, ja auf offene Ablehnung, doch keineswegs auf Formulierungen, die ihn nur als Kriminellen charakterisieren. Er, der Anreger, der Organisator, der Charmeur, erscheint vor allem als großer Enttäuscher.

Der aufregendste Beitrag stammt dabei von seiner mehrjährigen Freundin, der Töpferin Wilfriede Maaß. In ihrer autobiografischen Skizze zeichnet sie zugleich ein Psychogramm des IM Anderson, der bis in die Liebe hinein von der Lüge durchdrungen war. Genaueres über sein Doppelleben, das sich einer allein moralischer Beurteilung entzieht, war jenseits der Akten bisher nicht zu lesen. Erst auf diesem Nebenkriegsschauplatz begreift man wirklich, wie es einen Sascha A. und einen Sascha B. geben konnte - ohne dass man ihre scheinbar friedlich gegeneinander abgeschottete Koexistenz zu seiner Entlastung pathologisieren sollte.

"Mich hält hier nichts mehr, das ist eine abgeschlossene Sache", sagt Wilfriede Maaß. Man weiß nach der Lektüre nicht so ganz, ob man es ihr glauben soll.

0 Kommentare

Neuester Kommentar