Kultur : "Sass": Die Kunst des Plünderns

Cristina Moles Kaupp

Es war einmal in Berlin. Während sich die Schönen und Reichen am Trubel der Zwanziger Jahre berauschen, leben in Moabit die Gebrüder Franz und Erich Sass, Malocherjungs mit heißen Träumen und krimineller Energie. Kurz vor Weihnachten 1926 besorgen sie sich einen Schneidbrenner, danach steht die Kunst des Plünderns von Banktresoren in neuer Blüte. Drei Jahre später gelingt den Brüdern ihr größter Coup: Sie knacken 179 Kundensafes in der Disconto-Bank am Wittenbergplatz und erbeuten Millionen. Kurioserweise kann die Polizei den "Meisterdieben" nie etwas nachweisen. Und so werden sie von den Berlinern als Helden vergöttert: Mit jedem neuen Bruch beweisen sie, dass auch der kleine Mann in die Glamour-Welt aufsteigen kann, wenn er nur genügend Mut und Frechheit besitzt.

Mehrfach wurde die Ganovengeschichte fürs Fernsehen verfilmt, 1957 brachte Werner Klingler den Stoff als "Banktresor 713" ins Kino - nun also "Sass" von Carlo Rola, der bisher überwiegend bei TV-Filmen Regie führte. Vom ersten Wohnort in der Birkenstraße 57 verfolgt er detailgetreu die Spur der Brüder zu den Tatorten. Vom Polizeipräsidenten Zörgiebel bis zum Ringerverein "Immertreu" mit den legendären "Muskel-Adolf" und "Mollen-Albert" dampft es authentisch. Opulent ausgestattet, mit Starbesetzung und zwei fiktiven Liebesgeschichten garniert, will "Sass" großes Kino sein.

Das Aufregendste an Rolas süffigem Schwelgen in vergangenen Tagen aber ist die Begegnung zweier konträrer Charaktere: Ben Becker (Franz) und Jürgen Vogel (Erich) stehen erstmals gemeinsam vor der Kamera. Becker mimt den welterfahrenen Organisator, Vogel den jüngeren Naiven mit Talent fürs technisch Knifflige. Scheinbar mühelos gelingt ihnen der Aufstieg vom Autoschlosser zum Dandy - rasch verbergen edle Stoffe ihre Kantigkeit. Und anstatt einander die Show zu stehlen, harmonieren sie faszinierend glaubhaft als Brüderpaar.

Trotzdem will das XL-Kino made in Germany nicht gelingen. Vielleicht hat Rola zu kokett nach Sergio Leones Gangsterepos "Es war einmal in Amerika" geschielt. Keine Spur von dessen knisternder Vielschichtigkeit oder gar von einem scharfen Zeitporträt. Rola will nicht thematisieren, was geschieht, wenn Erinnerung bis zur Täuschung verklärt wird. Und so kredenzt er ein kitschiges Finale, das genau jene Authentizität verrät, die ihm lange ein sicheres Gerüst war. Malerisch dahingestreckt im Schnee sterben die Brüder Sass im Kugelhagel von SA-Schergen - es war deren Rache für die beim Bruch in die Disconto-Bank erbeuteten Wahlkampfgelder der NSDAP. Soll das kinoverträglicher sein als das tatsächliche Ende von Franz und Erich Sass? Nach mehrjähriger Haftstrafe wurden die unliebsamen Volkshelden von den Nazis wegen Volksverhetzung verurteilt und am 27. März 1940 erschossen. Es war einmal im KZ Sachsenhausen.

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