Kultur : Satellit des Systemfeinds

Die Sputniks provozierten die DDR mit ihrem Beat, bis es zu Krawallen kam. Nach 30 Jahren spielen sie wieder

Bodo Mrozek

Sie sehen nicht gerade wie Rocker aus. Und obwohl ihre Musik mitreißend ist, klingt sie wenig aggressiv. Schwer vorstellbar, dass der dängelnde Surf-Sound, den die vier teils ergrauten Herren in den besten Jahren ihren E-Gitarren entlockten, einst die Fundamente eines Staates zu erschüttern vermochten und ihre Auftritte verboten werden mussten, um die Ordnung wiederherzustellen. Doch die Musiker in ihren weißen Sakkos und schwarzen Hosen sind ein Stück Popgeschichte.

Dass die Staatsfundamente gewankt hätten, ist natürlich übertrieben. Doch immerhin kam es im Ost-Berlin des Jahres 1965 zu einem Skandal. Damals erschien im „Neuen Deutschland“ eine Erklärung, in der die Sputniks sich von „jugendlichen Gammlern“, und insbesondere von Ausschreitungen „nach dem Vorbild westlichen Rowdytums“ distanzierten. „Wir geben uns Mühe, eine anspruchsvolle, saubere, vielseitige, moderne Tanzmusik zu spielen“, rechtfertigte sich die Band. Deren Musik sei zwar lauter als vergangene Tanzrichtungen, deswegen aber keinesfalls schlechter. „Ungepflegte Rowdys“ seien nur eine unliebsame Randerscheinung, nicht aber eine Folge dieser neuen Musik, gegen die man auch als Sozialist nichts haben konnte. Was war geschehen?

Die Geschichte der Sputniks ist die Geschichte von Henry Kotowski. In den späten Fünfzigerjahren hatte sich Kotowski als Jugendlicher in Lichtenberg selber das Gitarrenspiel beigebracht, seine Vorbilder waren via westalliierter Radiostationen über ihn gekommen. Dort konnte man den Twang- Sound von Duane Eddy, den Rock’n’Roll der Everly Brothers und die Surfgitarren der Ventures hören. Anfang der Sechziger gründete Kotowksi, den sie seit damals alle nur noch „Cott’n“ nennen, seine erste eigene Band, die „Tele-Stars“. Die spielte auf Hinterhöfen und in kleinen Läden. „Es lag so ein Knistern in der Luft, da war alles möglich, wenn man eine Gitarre hatte“, sagt der 58-Jährige heute.

Konzerte im berüchtigten Treptower Twistkeller, dem ostdeutschen Pendant zum Liverpooler „Cavernclub“ oder Hamburger „Starclub“, erregten die Aufmerksamkeit des DDR-Staatslabels Amiga. Der Plattenvertrag war jedoch an eine Bedingung geknüpft: Die Band sollte sich nach dem ersten sowjetischen Satelliten benennen. Sie willigten ein und hießen fortan „Sputniks“, obwohl die Weisung „von oben“ kam. „Egal, der Name passte zu uns“, meint Kotowski heute.

Die erste Single, der „Gitarrentwist“, die 1964 auf Amiga erschien, wurde ein durchschlagender Erfolg. Das Stück war live im Twistkeller eingespielt worden und klang deshalb authentischer und mitreißender als die oftmals von Orchestermusikern gelieferten aseptischen Studio-Nummern. Es folgten weitere Singles mit so harmlosen Titeln wie „Mich hat noch keiner beim Twist geküsst“ (1964) oder „Beim Hully-Gully bin ich König“ (1965). Die Begeisterung für die Beat-Musik näherte sich ihrem Höhepunkt und Amiga veröffentlichte die heute noch von Sammlern als Raritäten gesuchten Big-Beat-Compilations, die erstmals einen zeitgemäßen Instrumentalsound enthielten, der mit westlichen Bands mithalten konnte. Neben den Sputniks waren darauf mittlerweile legendäre Bands vertreten wie die Theo-Schuhmann-Combo oder das Franke- Echo-Quintett.

Die Beat-Szene war zu dieser Zeit zur Massenbewegung geworden, nach Schätzung der FDJ-Bezirksleitung gab es allein in Ost-Berlin mehr als 300 Gitarrencombos mit Zehntausenden Fans. Krawalle wie in der Bundesrepublik ließen nicht lange auf sich warten. Die Obrigkeit wurde langsam nervös, denn die unkontrollierbare Jugendszene wurde zur ernsthaften Konkurrenz für die Staatsjugend. Auf einem Konzert der Sputniks in Karl-Marx-Stadt prügelten sich die Fans mit der Polizei, die kurz darauf im „ND“ veröffentlichte Richtigstellung der Sputniks war öffentliche Selbstkritik. Doch die Band verweigerte den Kotau vor der Obrigkeit. Selbstbewusst hatte sie die Krawalle auf organisatorische Mängel der Konzertveranstalter geschoben und damit indirekt die „Offiziellen“ angegriffen: Bezirksleiter, FDJ-Sekretäre und Jugendbeauftragte. Ein vom „ND“ veröffentlichter „offener Brief“ an die Sputniks schlug einen scharfen Ton an und stellte das Rowdytum in Zusammenhang mit „westlichem Imperialismus“, „Bandentätigkeit“, „Krieg gegen die DDR“, ja sogar mit westlichen Kernwaffen wurden die Ausschreitungen begründet. Der Wind hatte sich für die Beat-Bands gedreht.

Das Politbüro wandte sich nun offen gegen „Schlagertexte als Mittel ideologischer Diversion der imperialistischen Propaganda“. Erich Honecker persönlich hatte sich in einem Gutachten die „westlich dekadenten Züge der so genannten Beatmusik“ bestätigen lassen, und Walter Ulbricht hetzte sich anlässlich des berüchtigten XI. Plenums des Zentralkomitees der SED gegen die „amerikanische Unkultur aus Texas“. Es kam zu gewaltsamen Übergriffen gegen „Langhaarige“, Bands wurden verboten, und auch in den Konzerten der Sputniks tauchten regelmäßig Spitzel auf. Man überwachte, ob die Bands die rigiden Verordnungen einhielten, denen zufolge 60 Prozent aller aufgeführten Stücke von Komponisten aus sozialistischen Ländern stammen mussten. Spielten die Sputniks verbotene Stücke, so drohten Verwarnungen, Bußgelder und zunehmend willkürlich verhängte Auftrittsverbote.

Unter dem Druck der Kontrollen musste Kotowski seine Band 1966 auflösen, die Musiker gingen ihrer Wege. Henry Kotowski spielte im Gerd Michaelis-Chor, dem östlichen Pendant zu den Les Humphrey-Singers, bei der Klaus Lenz Bigband und arbeitete als Stuntman bei der Defa. Seinem Ausreiseantrag wurde erst 1984 stattgegeben. Kotowski ging nach München und schlug sich als Countrymusiker und mit allerlei Jobs durch. Erst nach der Wende kehrte er zurück nach Berlin und suchte die alten Freunde zusammen. Anders als die angepassten Kollegen, die sich mit Stasi und SED arrangiert hatten und heute wieder die Freilichtbühnen füllen, haben die verfemten Beat-Rebellen weder Karriere noch Geld im Sinn und gingen leer aus, berichtet der Musiker heute nicht ohne Bitterkeit.

Wie aus Trotz gründete Kotowski genau dreißig Jahre nach der Auflösung die Sputniks ein zweites Mal, allerdings in neuer Besetzung. „Die Sputniks sind wieder im Orbit“, ließ Cott’n stolz verlautbaren. Eine selbstproduzierte Single, die erste seit 1965, erschien unter dem symbolischen Titel „Re-Entry“. Nun legen die Sputniks ihr erstes eigenes Album mit dem Titel „Surf, Twang and Rock’n’Roll“ (Buschfunk) vor.

Wenn die Sputniks ihre CD nächste Woche mit einem Konzert vorstellen, dann ist es, als ob ein langer Umweg sein Ende findet. Ihr Gitarrenbeat ist noch immer der alte, vielleicht klingen Titel wie „Riders In The Storm“ oder das berühmte Sputnik-Thema durch die neue Aufnahmetechnik sogar etwas besser als früher. Das Werk könnte zudem als Superlativ in die Popgeschichte eingehen: Sie dürfte eines der spätesten Debütalben einer Band sein, das es je gegeben hat.

„Surf, Twang and Rock’n’Roll“ wird von den Sputniks am 14. November um 22 Uhr im Roten Salon gemeinsam mit „Los Banditos“ vorgestellt.

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