Kultur : Satire mit Wirkung

Ein Sammelband über die neuesten Erkenntnisse zu den „Protokollen der Weisen von Zion“.

Hannes Schwenger

Es mag etwas hoch gegriffen klingen, wenn Eva Horn, die Mitherausgeberin des Sammelbands über Text und Kontext der sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, unterstellt, das ominöse Werk sei „wie die Werke von Marx, Machiavelli, Freud oder auch wie die Bibel und der Koran einer jener Klassiker, von denen man immer schon weiß oder besser: zu wissen glaubt, was darin steht und was man davon zu halten hat“. Das gelte für Antisemiten genauso wie für ihre Gegner. Nur wenn man die Protokolle nicht gelesen habe, könne man sie als Beweis für die vermeintliche jüdische Weltverschwörung oder aber als antisemitisches Manifest lesen, das den Holocaust mit vorbereitet habe.

Dennoch haben die Protokolle – die weder dokumentarische Niederschriften noch das Werk weiser Zionisten sind, sondern das obskure Erzeugnis eines oder mehrerer anonymer Autoren und Plagiatoren – eine Wirkungsgeschichte, die sie zu einer „Grundlage des modernen Antisemitismus“ gemacht haben, wie der amerikanische Literaturwissenschaftler Jeffrey L. Sammons schreibt. Erschienen sind die Protokolle nachweislich erstmals 1903 in Russland, vorgeblich als Übersetzung aus dem Französischen; daher stammt die Legende, sie seien ein Produkt der französischen Filiale der russischen Geheimpolizei Ochrana. Das französische Manuskript und eine angebliche Erstausgabe in Russland 1895 oder 1897 sind jedoch unauffindbar geblieben. Wichtig ist diese Datierung, weil sie ausschließen könnte, dass es sich – wie behauptet – um Aufzeichnungen vom Ersten Zionistenkongress von 1897 handelt. Als solche sollen sie angebliche Pläne für eine jüdische Weltherrschaft belegen.

Breitere Beachtung fanden die Protokolle erst 1905 in der Bearbeitung und Kommentierung durch Sergej Nilus, einen religiösen Schriftsteller mit Verbindung zum Zarenhof, dessen Fassung fast allen späteren Ausgaben zugrunde liegt. Seit dem Ersten Weltkrieg fanden sie millionenfache Verbreitung in aller Welt und nicht zuletzt in Deutschland. Adolf Hitler hat sich, wenn auch nur beiläufig, auf sie berufen und sie offenbar wenigstens gelesen, während Adolf Eichmann sie in seinem Prozess nur vom Hörensagen gekannt und für „Quatsch“ gehalten haben wollte. Dass es sich tatsächlich um eine Fälschung und in weiten Passagen um ein Plagiat einer französischen Satire von Maurice Joly aus dem Jahr 1864 handelt, war bereits seit Mitte der 30er Jahre gerichtsnotorisch bekannt. So jedenfalls hatten Schweizer Gerichte auf eine Klage des Israelitischen Gemeindebundes und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern in einem langwierigen Verfahren mit Revision 1935 und 1937 befunden und die Protokolle zu „Schundliteratur“ im Sinne der Schweizer Gesetze erklärt.

Mitherausgeber Michael Hagemeister stellt neuere Erkenntnisse vor, ohne letzte Klarheit über die Autorschaft der Protokolle und ihrer ursprünglichen literarischen und politischen Motive zu gewinnen. Ihnen gehen die übrigen Beiträge des Sammelbands nach, die sie in den Zusammenhang klassischer Verschwörungsfiktionen, politischer Satiren und Utopien des 19. Jahrhunderts stellen, um – so die Herausgeber – „den ,schrecklichen Vereinfachern’ zu widerstehen und der Geschichte ihre Komplexität zurückzugeben“. Auch ihr eigenes Buch könne das Rätsel um die Protokolle nicht lösen, aber sie immerhin entmythologisieren. Denn: „Wer die verhängnisvollen Mythen bekämpfen will, darf nicht neue Mythen schaffen, sondern muss sich an das halten, was belegbar ist – dies aber, so meinen wir, ist spektakulär genug.“ Hannes Schwenger

– E. Horn, M. Hagemeister (Hg.): Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“.

Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 254 Seiten, 29,90 Euro.

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