Satire : Vom Grundrecht, beleidigt zu sein

Was dem Fundamentalisten sein religiöses Gefühl, ist dem Pegidisten seine gefühlte Sorge. Und bei Satire verstehen Islamhasser und Islamisten beide keinen Spaß.

Florian Schroeder
Florian Schröder: "Beide suchen verzweifelt das geschlossene Weltbild, ohne Nuancen."
Florian Schröder: "Beide suchen verzweifelt das geschlossene Weltbild, ohne Nuancen."Foto: Imago

Den Unbekannten, den wir Norbert Schulz nennen wollen, und mich müssen diese 60 Sekunden verbunden haben: Jene 60 Sekunden am 11. Januar 2015, als sogar der einstige Pegida-Obermacker und selbsternannte Hitlerparodist Lutz Bachmann das Wort „Lügenpresse“ in Dresden verboten hatte. Nach der Gedenkminute für die Opfer von „Charlie Hebdo“ schrieb ich jene Sätze, die Herrn Schulz später erzürnen sollten: „Jetzt wissen wir, wo die moralischen Grenzen von Pegida verlaufen: Alle Medien sind Lügenpresse, es sei denn, es gibt Tote durch einen islamistischen Anschlag, dann werden aus Lügenpresse-Schmierern Verteidiger des Abendlandes. Ich forderte eine Umbenennung von Pegida in Perfida, Pöbelnde Extremisten Ramponieren Für Immer Deutschlands Ansehen.“

Diese Sätze schickte ich in meiner TV-Sendung „Spätschicht“ im SWR-Fernsehen in die Flachbildschirm-Wohnzimmer der Mainstreammedien-User. Mit leichter Verzögerung schrieb mir Norbert Schulz folgende Zeilen per Mail: „Was habt ihr denn bekommen für eure erbärmliche Pegida-Scheiße? Einen Vertrag fürs ERSTE öffentliche TV? Geschenkt, diesem Lügenkanal wird ebenso nicht mehr geglaubt. Schröder war bislang auf der Positiv-Liste, jetzt kann er einpacken. Nichts wird vergessen."

Jeder hat das Recht, verarscht zu werden

Als Komiker, der bevorzugt in öffentlich-rechtlichen Medien auftritt, bin ich Zuschauerzorn gewohnt. Immer wieder wird die Frage gestellt: Worüber darf man noch Witze machen? Gerade jetzt, nach dem, was in Paris passiert ist? Die Antwort ist die gleiche wie zuvor: Über alles! Jeder hat das Recht, verarscht zu werden. Ob er Prophet ist oder sich nur dafür hält. Und ich möchte von niemandem hören, dass er sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt. Ich fühle mich jeden Tag in meinen atheistischen Gefühlen verletzt, wenn ich einen Kirchturm sehe. Und trotzdem gehe ich da nicht mit der Kalaschnikow rein.

Der deutsche Kabarettsympathisant ist streng mit seinen moralischen Erziehungsberechtigten. Spätestens bei Gastspielen im Privatfernsehen hört der Spaß auf. Egal, in welchem Format und zu welcher Uhrzeit, ein Pakt mit einem Sender, der Schwiegertöchter sucht und frühere Harry-Wijnvord-Assis in den Dschungel zum Hodendinner schickt, muss für einen „scharfzüngigen“ Gesellschaftskritiker von Wert tabu sein.

In den meisten Fällen kann Zuschauerwut subsumiert werden unter Harald Schmidts Schlagwort, wonach die meisten Leute fernsehen, weil sie entweder den Moderator, das Format oder beides hassen wollen. Fernsehen ist mediale Assoziations-Anschubfinanzierung. Je früher auf dem heimischen Twitter-Sofa der erste Aufschrei in die App gehashtagt wird, desto erfolgreicher war das Primärmedium Fernsehen.

„Pegida“ als Daily-Polit-Soap

Im Zuge des Aufstiegs von „Pegida“ zur Daily-Polit-Soap hat sich der Wind gedreht. Aus der steifen deutschen Brise ist ein kalter Ostwind geworden, der zeigt, was es bedeutet, wenn es mal richtig Winter wird im zappendusteren Abendland. „Deutschland kommt gut ohne ihre realitätsfremden Äußerungen aus“, schrieb mir ein anderer besorgter Bürger. Schon im zweiten Satz folgte verlässlich die Phrase, die keine Satire platter formulieren könnte: „Ich bin gewiss kein Rechter, aber ... wir müssen realistisch sein.“

Nein, kein Rechter, klar. Die neuen Rechten wollen die Mitte sein, wohl in der Hoffnung, die Erde sei eine Scheibe, so dass die Linken, Gutmenschen und anderweitig Korrekten drüben am Rand früher oder später hinunterfallen mögen. Ein Herr mit bedeutungsschwangerem Doktortitel in der Mailadresse, der sich sogar in mein Bühnenprogramm verirrt hatte, beklagte anschließend, dass „die staatlich zwangsfinanzierten Sender und andere ,Qualitätsmedien’ in den vergangenen Monaten ihre Diskussionsforen geschlossen haben, wenn dort allzu massiv Kritik geübt wurde.“ Liest man das zwanghaft verschwörerische Gemurkse zu Ende, versteht man auch, warum.

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