Kultur : Sauber ist sexy

Ein Berliner Konzert der Einstürzenden Neubauten

Gerrit Bartels

Früher sah es auf der Bühne von Neubauten-Konzerten gern wie auf einer Baustelle oder einem Schrottplatz aus: Materialien aller Art dienten als Klangquellen, diverse Werkzeuge als Instrumente. Letzteres benötigen die Einstürzenden Neubauten immer noch zur Klangerzeugung. Nur ist jetzt alles ungemein sauber und geleckt. Wie am Sonnabend in der ausverkauften Columbiahalle, da die Neubauten ihrer Heimat und ihren vielen alten Freunden aus dem West-Berlin der achtziger Jahre die Ehre erweisen. Mehrere große rote Lampen hängen über der Bühne und erinnern zunächst an gewienerte Sixties-Lampen aus dem Retro-Design-Shop, sind aber beim genaueren Hinsehen nagelneue Fabriklampen; alles, was Neubauten-Geräuschsammler Andrey Unruh auf die Bühne trägt – Stangen, Kippladen, Metallgestelle, Regentonnen und mehr – ist blitzeblank, und auch die Kreissäge, mit der Jochen Arbeit zuweilen seine Gitarre streichelt, sieht aus wie gerade im Fachgeschäft erworben.

Hier brennt nicht mehr viel, schon gar keine Seelen, hier geht nichts mehr unter, keine Welt, kein Nichts. Alles dient einer gediegenen, schön anzuschauenden theatralen Inszenierung, unter stetig wechselnder Bühnenbeleuchtung und der Regie des fröhlich ein paar meist sinnfreie Epigramme vor sich hinraunenden Blixa Bargeld. Die Neubauten im Jahr 2008 sind ein einziger Anachronismus mit ihren live und analog erzeugten Geräuschen, die den sonst sehr ruhigen, getragenen Stücken etwas Leben einhauchen. Laptop-Gefrickel ist was für Jungspunde. Andererseits sind sie mit ihren Geschäftsmodellen nicht zuletzt via Internet sehr kreativ: Mehrmals erklärt Blixa Bargeld diese Modelle, hält ein exklusives, nur der Internet-Neubauten-Community zugängliches „Supporters-Album“ in die Höhe oder überbrückt „Werbepausen“, da auch dieses Konzert als streng limitiertes CD-Doppelalbum veröffentlicht wird.

Viel Theater also, viel sachtes Geklöppel, viel Werbung in eigener Sache und natürlich viel Berlin: Wenn seine Songs schon von etwas handeln, so Bargeld einmal, dann von Berlin, ein Witz, na klar. Und als er am Ende seine Mitstreiter vorstellt und wo sie herkommen und gerade wohnen, wird es kiezig, ein weiterer Witz, na klar. Wer weltberühmt ist, darf sich halt seiner Wurzeln umso peinlicher versichern, zumal es am Rande dieses Abends immer mal wieder heißt, dieses könnte das letzte Berliner Konzert der Neubauten ever auf deren überhaupt allerletzter Tour sein. Bargeld wird demnächst Vater, und da passt dann auch der Titel des jüngsten Neubauten-Albums wie die Faust auf Blixa: „Alles wieder offen“. Gerrit Bartels

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