Kultur : Sauber lackiert

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf über

eine Plattenschwemme im Linienstrom

Was die Anzahl seiner Einspielungen anbelangt, hat Neville Marriner selbst Karajan überholt. Kein Dirigent des 20. Jahrhunderts war produktiver als der Brite: über 600 Aufnahmen in vierzig Jahren. Trotzdem zählt Sir Neville nicht zu den wirklich bedeutenden Dirigenten wie Furtwängler, Toscanini, Karajan oder Rattle. Anders gesagt: Jeder hat vermutlich irgendeine MarrinerAufnahme im Plattenschrank, aber keiner würde sie mit „auf die einsame Insel“ nehmen.

Was Marriner in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit seinem Londoner Kammerorchester Academy of St.Martin-in-the- Fields vollzog, war die Übertragung des stromlinienförmigen Hochglanzsounds Marke Karajan auf die Boombranche Kammerorchester. Nur dass die Halbwertszeit der zahllosen Bach-, Händel- und Mozart-Einspielungen dank der Originalklang-Konkurrenz weit schneller ablief. Dass Sir Neville sich von den Achtzigerjahren an zusehends Richtung romantischer Sinfonik orientierte, wirkt im Nachhinein fast wie eine Flucht: Von Beethoven über Schumann bis Brahms sind ihm Harnoncourt und Co. dabei dicht auf den Fersen geblieben und haben neben seine sauber lackierten Interpretationen ihre unbehandelten Naturholz-Versionen gestellt.

Marriners Auftritt beim Deutschen Symphonie-Orchester hat insofern schon fast Revival-Charakter – sein diesmal auf Mozarts „Haffner“-Sinfonie und Beethovens „Pastorale“ angewandter Sound ist gewissermaßen historische Aufführungspraxis der Siebziger.

Immerhin wird Sir Neville am Sonntag in der Philharmonie mit dem Corpus delicti historischer Aufführungen konfrontiert. Der Solist Steven Isserlis spielt Schumanns Cellokonzert nämlich auf Darmsaiten. Dabei ist Isserlis gar kein Vertreter des Alte-Musik-Dogmas, sondern steht für eine Generation von Musikern, die versuchen, aus Alt und Neu ihre persönliche Synthese zu finden – ähnlich wie es Rattle und die Philharmoniker im symphonischen Bereich vorführen. Denn am Ende von These und Antithese steht nun mal die Synthese. Und das dürfte auch Sir Neville ein wenig versöhnen.

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