Kultur : Saufen, Schlachten, Schnackseln

Was die freie Szene umtreibt: das Theaterfestival Impulse im Ruhrgebiet

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Foto: Markus Scholz
Foto: Markus ScholzFoto: markus scholz

„Hossa!“, schallt es, „Hossa!“, denn heute ist Fiesta Mexicana in der Heurigenwirtschaft. Die Atmosphäre ist geladen von aggressivem Frohsinn, die Bedienungen in der Tracht ihrer steiermärkischen Heimat fordern die Gäste auf, ihnen einen Klaps auf den Hintern zu geben. Es sind fünf Gouvernanten der guten Laune, die sich „Die Rabtaldirndln“ nennen und zu einem „interaktiven Biervortrag“ geladen haben, mit dem sie den Besuchern ihre Lebensart näherbringen wollen. Die Dias zeigen die Schänke, die das autonome Frauenquintett im österreichischen Bergidyll betreibt, auch ihren Schießstand. Vor allem aber stellen sie mit Folklore-Furor bloß, was zwischen Gipfel und Tal an Misogynität und Brutalität schwelt. Als Steiermark-Amazonen servieren die Rabtaldirndln das Volksprogramm aus Saufen, Schlachten und Schnackseln auf dem Jausebrettl. Hölle, dein Name ist Heimat.

„Aufplatzen“ heißt das Stück des österreichischen Performancekollektivs, das jetzt auf dem Festival Impulse lief, dieser Werkschau der deutschsprachigen Freien Szene im Rang eines Off-Theatertreffens. Alle zwei Jahre findet es in Köln, Bochum, Düsseldorf und Mühlheim an der Ruhr statt, seit 2007 wird es von Tom Stromberg und Matthias von Hartz geleitet. Für beide ist das diesjährige Festival die letzte Ausgabe, ein längeres Engagement war nie geplant, von Hartz übernimmt ab 2013 die Spielzeit Europa der Berliner Festspiele.

Eine vorzeitige Bilanz ihrer Impulse-Ära müsste vor allem anerkennen, was für einen kräftigen Internationalisierungsschub von Hartz und Stromberg der Freien Szene verpasst haben. Auch aus der Not-Erkenntnis, dass man „als freie Gruppe in Deutschland im Grunde nicht wachsen kann“, wie von Hartz glaubt. „Entweder geht man ans Stadttheater, oder man arbeitet mit den gleichen Budgets für den Rest seines Lebens.“ Stromberg und er haben die Impulse von Beginn an auch als Plattform für ausländische Koproduktionen begriffen. Die Marathons, bei denen man zwischen Rhein und Ruhr hin- und herkutschiert wird und pro Tag vier Produktionen sieht, werden längst von Kuratoren-Scharen aus Vancouver und Seoul frequentiert.

Eine Mehrzahl der Arbeiten aus dem Impulse-Wettbewerb zeugt bereits von der fortgeschrittenen Vernetzung und Entgrenzung. Der amerikanische Choreograph Andros Zins-Browne, der seit langem in Europa lebt, lässt in seinem Stück „The Host“ zusammen mit dem bildenden Künstler Stefan Demming die Cowboys tanzen. Auf Luftkissen versuchen drei Western-Performer Männlichkeit und Gleichgewicht zu wahren – großer Symbol-Slapstick.

Und das Antwerpener Kollektiv Berlin hat für seine Groteske „Tagfish“ in Essen recherchiert. Es geht um den Verkauf eines Teilgeländes der Zeche Zollverein – immerhin Weltkulturerbe – an einen saudischen Scheich, der dort ein „Creative Village“ nebst Luxushotel errichten will. Doch der Plan ist irgendwo im deutschen Behördenwesen gestrandet. Das Kollektiv konstruiert aus Video-Interviews mit den Beteiligten, darunter Planungsdezernent, Architekt und Geländeeigentümer, ein fiktives Round-Table-Gespräch auf sieben Monitoren, das die Klischeebilder aus 1001 Nacht aufleuchten lässt, die der arabische Investor im Pott auslöst. Dein Scheich komme!

Eine Arbeit, die ins Stadttheater ebenso wenig passt wie der Auftritt von „HGichT“ (Hammer Geil ich Tattoo). Das Hamburger Musik- und Performance-Kollektiv hat jüngst seine erste Platte unter dem Titel „Mein Hobby: Arschloch“ veröffentlicht, es ist berüchtigt für hingerotzte Elektro-Trash-Videos, die auf Youtube Millionen Klicks erreichen und in denen der Sänger meist gewindelt auftritt und fortwährend „Hauptschule, Hauptschule“ ruft. Auf der Bühne hat das noch eine Umdrehung mehr Dada.

Wie lässt sich dieser Geist der Freien Szene mit der Spielzeit Europa vereinen? Gar nicht. Und das ist die Chance. Die Reihe steht gegenwärtig für Repräsentationskunst der großen internationalen Namen. Nobelamüsement mit Peter Sellers und Isabelle Huppert. Nun ist Matthias von Hartz, der nach einem Interimsjahr der belgischen Kuratorin Frie Leysen die Leitung übernimmt, erstens zu klug und zweitens zu kompromissversiert, um schon aus der Ferne mit Revoluzzer-Gesten zu winken.

Der studierte Regisseur, seit 15 Jahren in Hamburg beheimatet, verweist im Gespräch erst mal darauf, dass die Spielzeit Europa ein „extrem erfolgreiches Format“ sei. Er verspricht, inhaltlicher arbeiten zu wollen. Dafür steht auch das Internationale Sommerfestival Hamburg auf Kampnagel, das von Hartz seit fünf Jahren leitet und dessen Besucherzahlen er verdreifachte. Ein Tanz-Theater-Theorie-Event, das Kunst aus ganz Europa zeigt und gesellschaftspolitische Schwerpunkte setzt. Klar hält von Hartz sich noch bedeckt, wenn man ihn nach Berlin fragt. „Einmal im Jahr Isabelle Huppert zu zeigen, verschafft einem vielleicht Freiheiten, daneben andere Sachen machen zu können“, sagt er. Und fügt an: „Vielleicht verzichtet man auch darauf. Und zeigt lieber Gerard Depardieu.“

Festival Impulse: noch bis 10. Juli, nächste Marathons Fr, 8. und Sa, 9. Juli. Mehr Infos: www.festivalimpulse.de

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