Kultur : Saufen, zittern, toben

„Droge Faust“: Armin Petras versucht sich am Gorki Theater an Einar Schleef und Goethe. Die Inszenierung enttäuscht auf der ganzen Linie.

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Hemmungsloser Rausch. Thomas Lawinky wütet durchs Kellerloch. Foto: Thomas Aurin Foto: Thomas Aurin
Hemmungsloser Rausch. Thomas Lawinky wütet durchs Kellerloch. Foto: Thomas AurinFoto: Thomas Aurin

Einar Schleef ist für Armin Petras nach eigener Aussage einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart. Deshalb inszenierte Petras schon Schleefs Roman „Gertrud“, vor einigen Jahren zum Theatertreffen eingeladen, oder die Prosa „Zigaretten“ und „Die Abschlussfeier“. Jetzt hat Armin Petras sich sogar an Einar Schleefs wahnsinniges Textgebirge „Droge Faust Parsifal“ aus dem Jahr 1997 gewagt, in dem Schleef akribische Textexegese mit persönlichen Erinnerungen kreuzt und auf 500 eng beschriebenen, über weite Strecken unlesbaren Seiten seine Theatertheorie vom Chor und dem Individuum entwickelt, wobei Goethes Faust im Zentrum steht.

Schleef las Goethes „Faust“ als „rauschhafte, durch Drogen gespeiste Beschwörung einer utopiestiftenden Gemeinschaft“, wie es im Programmheft zu „Droge Faust“ heißt. Petras wiederum hat Texte aus dem Mammutwerk Schleefs genommen und sie mit einer entschlackten Version des Urfaust kombiniert, um die Frage zu stellen: „Wie viel Droge braucht der Mensch?“

Schleef-Theatralisierungen sind grundsätzlich so eine Sache, denn der Allesmacher Schleef ist ja vor allem für seine monumentalen Regiearbeiten bekannt, an deren Wucht und Radikalität sowieso nicht heranzukommen ist, an die man aber mit jeder Schleef-Bearbeitung wieder eindringlich erinnert wird. Enttäuschung gehört zu einem Schleef-Abend quasi per definitionem dazu. Aber muss sie gleich so tief sein?

„Droge Faust“, eine Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig und nach der Premiere im letzten März jetzt auch im Gorki Theater zu erleben, ist nichts anderes als ein Etikettenschwindel. Es ist nämlich so gut wie gar kein Schleef dabei, und wenn die drei Schauspieler Anja Schneider, Thomas Lawinky und Berndt Stübner mal aus Schleefs Texten vortragen, dann mit einer solch distanzierenden Ironie, dass die Texte wie überflüssige Regieanweisungen oder versponnene fixe Ideen wirken und so der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Erstmal sitzt Berndt Stübner (als Schleef? Oder Mephisto vielleicht?) sehr lange schweigend an einem Tisch, auf dem allerlei Whisky-Flaschen und seltsame Phiolen stehen. Von links betreten dann die anderen beiden wie ein verschüchtertes Touristenpaar dieses giftmischerische Kellerloch. Anja Schneider bestaunt das sitzende Monument, bekommt von ihm zwar keinen Mucks, dafür Nadel und Faden in die Hand gedrückt. Thomas Lawinky steht in Fünfzigerjahrebeige verlegen wie ein Chauffeur, bis er schließlich die ersten Faust-Sätze anprobiert. Habe nun ach. Und so weiter und so fort. Anja Schneider zieht umständlich eine riesige Brille aus der Tasche und beginnt, den Schleeftext von Karteikarten abzulesen, langsam wie eine Minderbemittelte. „Die Deutsche Klassik nährt sich aus zwei Quellen, aus den antiken Tragödien und den Stücken Shakespeares. Sie versucht Shakespeares Individualisierung mit dem Chor-Theater der Antike zu verbinden.“

Und dann geht es los: Faust für drei (Faust, Gretchen, Mephisto) auf psychedelisch! Leichter als Armin Petras es sich gemacht hat, geht es nicht. Er hat aus dem Wörtchen „Droge“ im Titel nicht mehr als die Anweisung „Seid-einfach-berauscht!“ an seine Schauspieler abgeleitet. Viel trinken, viele Tabletten schlucken, viel ekstatisch tanzen, möglichst mit nacktem Oberkörper, der möglichst auch noch blutbesudelt sein sollte. Das macht vor allem das Kraftpaket Thomas Lawinky hingebungsvoll. Das Schlagwort Rausch nimmt er als Freibrief für allerlei aktionistischen Schabernack, für Tobsuchts- und Zitteranfälle und andere Vorführungen aus dem Repertoire des Suchtpatienten, während sich Anja Schneiders Gretchen an Popcorn überfrisst.

Im Hintergrund laufen derweil recht ansprechende und perfide geschnittene Albtraumvideos (Musik und Video: Rebecca Riedel) und Sequenzen aus Vampirfilmen. Berndt Stübner bleibt als Mephisto eher im Hintergrund und lässt nur hin und wieder geisterhaften Nebel aus einer Zimmerpflanze steigen, und eine Kamera projiziert eine ganze Stadt aus Pappe auf eine zerknitterte Leinwand.

Das ist stellenweise hübsch, und Anja Schneider kann alles, also auch sehr gruselig in die Kamera gucken und ein Gretchen als Göre. Aber was, um Himmels willen, hat diese simple Bebilderung eines benebelten Bewusstseins mit Schleefs Erkenntniswut, mit seinem Gespür für Rhythmus und Nuancen, mit seiner Chor-Theorie und seinem heiligen Ernst zu tun? In seiner kulinarischen, geradezu beamtenhaft durchexerzierten Hemmungslosigkeit ist dieser Abend nichts anderes als Theatergrößentrittbrettfahrerei.

Maxim Gorki Theater, wieder am 16.3. und am 25.4., 20.15 Uhr

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