Kultur : Sause mit Brause

Berlin-Blues: Performance in den Sophiensälen.

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Zunächst argwöhnt man, dass die Tanzperformance „Diary of a lost Decade“ in den Sophiensälen wohl vom HauptstadtMarketing in Auftrag gegeben wurde. Denn der Choreograf Nir de Volff lässt glühende Berlin-Enthusiasten auftreten. Doch der Überschwang hat seinen Grund: Die schrille Transe Arie aus Israel ist neu in Berlin, wie auch Katharina, die auf der Suche nach ihrem „inneren Karneval der Kulturen“ ist. Diese Neuzugänge treffen auf Expats wie Chris, der schon ein paar Jahre Night-Clubbing in Berlin hinter sich hat. Nir de Volff macht Anleihen bei „Cabaret“.

Das taugt für eine flotte Swingnummer, doch die Parallele zu den goldenen Zwanzigern ist an den Haaren herbeigezogen. Mit einem Tanz auf dem Vulkan kann man die heutige Feierwut nicht vergleichen. Nir de Volff erzählt auch nicht von jungen Künstlern. Er liefert Abziehbilder des verpeilten Party-Touristen, der naiv denkt: Jetzt geht die Sause erst richtig los! Und so feiern hier alle weiter, die Habenichtse und Neukölln-Bohemiens, obwohl ihnen die Erschöpfung und der Überdruss anzumerken sind. Was auch ermüdend für die Zuschauer ist.

Vor allem die von Katharina Maschenka Horn gespielte Deutsche bekommt ihr Fett ab: Sie müht sich redlich, ihre Weltläufigkeit unter Beweis zu stellen, schmeißt sich an jeden Fremden ran und schreckt auch nicht vor einer hochnotpeinlichen Samba-Darbietung zurück. „Deine Krise steckt in deinen Hüften“, ruft ihr Natalia Fernandes zu – was schon der Gipfel der Frechheit ist. Spannend wird es, wenn der Israeli plötzlich das Ruder übernimmt und alle dazu verdonnert, den Boden aufzuwischen. Doch um historische Rechnungen geht es hier nicht, und so mündet die Szene in einer mechanisch getanzten Walzer-Parodie. Der Musiker Claus Erbskorn versucht sich am Ende in der Rolle des Mephistopheles und sagt: „Die Stadt ist zu einer Hölle light verkommen. Man verliert die Orientierung, aber man hat keine existenziellen Probleme. Man wird für seine Unproduktivität einfach nicht bestraft.“ Nir de Volff schiebt den Berlin-Blues, doch zum Zeitbild verdichten sich die Skizzen nicht. Sandra Luzina

Wieder heute, 19. und 20.10., 19.30 Uhr

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