Kultur : "Say Shalom"

ULRICH AMLING

Ununterbrochen piepsen die Sicherheitsschranken, schwillt das Stimmengewirr an.Aus einer Nische dringt Musik, ein Beethoven-Trio.Teilnehmer des Wettbewerbs "Jugend musiziert" spielen tapfer gegen den Menschenstrom.Im Foyer der Staatsoper steht man dicht an dicht: Die Stimmung ist heiter, wie auf einem großen Familientreffen.Während in Israel die Gedenkfeiern zum 50.Jahrestag der Staatsgründung zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe gerieten, gibt man sich in Berlin ausgelassen."Wir wollen einmal feiern, nicht gedenken", sagte Paul Spiegel, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und Organisator der Musik-Show "Israel feiert Jubiläum".War in Israel bei den Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxen und liberalen Kräften immer wieder von einem "Kulturkampf" die Rede, so sollte der Abend in der Staatsoper kulturelle Brücken schlagen zwischen Deutschen und Israelis: "Kulturelle Beziehungen, das sind echte Beziehungen.Sie bauen Vorurteile ab", diese Worte stellte Israels Botschafter Avi Primor dem Abend voran.In Form leichter Unterhaltung werde der Alltag des Heiligen Landes gezeigt."Das schafft zwischenmenschliche Nähe."

"Israel feiert Jubiläum" wurde einzig für eine Tour durch elf deutsche Städte konzipiert.40 junge Tänzer, Sänger und Musiker wirken an der Aufführung mit: Die Geschichte von 50 Jahren Israel präsentieren sie dem deutschen Publikum als bunten Liederreigen, tanzfreudig, melodienselig.Die verschiedenen Kulturen, aus denen Israel zusammengewachsen ist, dienen als schier unerschöpfliche Quelle: hier wird Jiddisch gesprochen, dort Ladino, der jüdisch-spanische Dialekt.Die jemenitische Version des Psalms "Im Ninalu", den Ofra Hasa zum ersten großen Etno-Pop-Hit machte, ist begleitet von wildem Trommeln auf Blechcontainern.Folklore, die nicht aneckt.Orthodoxe Tänze wurden wie palästinensische nicht mit ins Programm genommen.

Diese geballte Fröhlichkeit wird selbst Sabine Christiansen etwas unheimlich, die Texte zu dokumentarischem Filmmaterial verliest: "So oder so ähnlich wird das wohl gewesen sein", merkt die TV-Talkerin an.Doch darum geht es ja gar nicht.Die Videobilder wollen kein vielschichtiges, widerspruchsvolles Israel-Bild zeichnen, sowenig wie Tanz und Gesang nationale Traumata berühren.Es geht um Lebenslust, ein optimistisches "Trotz allem".Dafür werden rasch die Kostüme gewechselt, die gerafften Stoffbahnen bunt ausgeleuchtet, ohne Ende ein musikalischer Teppich gewebt.Herausgestellt werden Israels undramatischen Auftritte auf der Weltbühne, etwa die Erfolge beim Schlager-Grand Prix 1978 und 1979 sowie in diesem Jahr mit Dana International.Hier mischt sich Stolz mit der Sehnsucht nach Normalität in einem Land der Extreme.

Wie in einer Endlosschleife heißen die Worte der letzten Viertelstunde des Abends "Say Shalom".Weiß und engelsgleich, einen blauen Davidstern an den Hüften, wiederholen die Sänger diesen Aufruf zum Frieden: so oft, bis aus dem Apell eine Art Selbstbeschwörung wird.Goldglitter fällt vom Bühnenhimmel, Beifall brandet auf.Kurz und heftig wird den jungen Künstlern für ihren rastlosen Einsatz gedankt.Nachdem Sabine Christiansen die Macher der Show auf die Bühne gebeten hatte, entstand eine stille Sekunde.Die auf der Bühne, glücklich und erschöpft, die im Publikum schon auf den Weg nach Hause oder zum Empfang des Botschafters."Jetzt fehlen die Worte", kommentierte Christiansen.Irrtum.Alles war gesagt.Es war schlicht das Ende eines normalen Revue-Abends mit normalem Applaus.Danach konnte man unbeschwert zur Konversation übergehen.

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